Autorisierte Übertragung aus den TidBITS#315/19-Feb-96.
Die Originalausgabe finden Sie unter: http://www.dartmouth.edu/pages/TidBITS/issues/TidBITS-315.html
Copyright 1990-1996 Adam & Tonya Engst. Details am Ende dieser Ausgabe.
Information: <info@tidbits.com>
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Copyright 1996 der deutschen Version Walter J. Ferstl, carrier GmbH.
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Die Originalausgabe dieser TidBITS-Ausgabe ist via FTP auf den meisten Info-Mac-Mirrors verfügbar, so etwa:
ftp://ftp.univie.ac.at/mac/info-mac/per/tb/tidbits-315.etx
ftp://nic.switch.ch/mirror/info-mac/per/tb/tidbits-315.etx
ftp://ftp.rrzn.uni-hannover.de/pub/mirror/info-mac/per/tb/tidbits-315.etx
Online-Plauderei mit Tonya -- Ich bin gerade dabei, meine Finger für Dienstagabend, den 20. Februar 1996, aufzuwärmen - ich werde die Hauptperson bei der America-Online-Konferenz über Web-Programmierung sein (ich kann auch einige TidBITS-Fragen beantworten). Das Gespräch beginnt um 22 Uhr (Eastern Standard Time) und ich werde bis 23 Uhr anwesend sein. Am Ende der Stunde plant AOL die Verlosung zweier Exemplare von Create Your Own Home Page (ein Buch, das Adam und ich geschrieben haben). Verwenden Sie das Schlüsselwort DWP und klicken Sie auf die Tür des Konferenzraumes, um an der Unterhaltung teilzunehmen. [TJE]
Apple vergibt umfassende Mac-Lizenz -- Am 19. Februar 1996 hat Apple ein Lizenzabkommen verlautbart, das es Motorola gestattet, das Mac-Betriebssystem zusammen mit Computern zu vertreiben, die auf Power-Macintosh-Entwürfen und auf der PowerPC-Spezifikation beruhen. Zum ersten Mal erlaubt dieses Abkommen einem Lizenznehmer des Mac-Betriebssystems, an andere Computerhersteller Sublizenzen zu vergeben. Das bedeutet, daß Motorola Mac-OS-kompatible Hauptplatinen oder ganze Einheiten an andere Hersteller zum Weitervertrieb unter einem anderen Markennamen verkaufen könnte. Apple teilt mit, daß die Kontrolle über die Zertifikation von Geräten mit Mac-OS aufrecht bleibt. [MHA]
http://product.info.apple.com/pr/press.releases/1996/q2/960219.pr.rel.motorola.html
Java Development Kit für den Mac -- Javasoft, die für die Entwicklung von Java zuständige Sun-Tochter, hat die erste Beta-Version des Java Developer's Kit (JDK) für Macintosh veröffentlicht. Das JDK beinhaltet einen Java Applet Viewer und einen Java Compiler, wie auch Beispiele für Java Applets und eine API-Dokumentation für Programmierer. Obwohl es einführende Materialien sind, handelt es sich doch um ein mehr als ausreichendes Angebot, um Programmierern ein Experimentierfeld mit der Virtual Machine (VM) von Sun zu bieten. Ein wichtiger Punkt, um Gerüchten zu begegnen, VM von Sun werde nur für Power Macs erhältlich sein: Die Software läuft auf Power Macs und 68K-Macs vom 68030-Prozessor aufwärts. Falls Sie kein Entwickler sind, 3 MB freies RAM zur Verfügung haben, mit System 7.5 arbeiten und Java unbedingt schon heute benützen wollen, können Sie den Java Applet Viewer benützen, um vom Internet heruntergeladene Applets laufen zu lassen. Die binhexed-Version des JDK benötigt ca. 3 MB. [GD]
http://www.javasoft.com/JDK-1.0/
Cyberdog für Power Macs als Beta-Version -- Letzte Woche veröffentlichte Apple die erste Beta-Version von Cyberdog, der lange erwarteten, auf OpenDoc basierenden Internet-Technologie. Cyberdog b1 verlangt einen Power Mac, OpenDoc 1.0, System 7.5.1 oder höher, Internet Config 1.2 und (natürlich) eine TCP/IP-Verbindung zum Internet. Da CyberDog OpenDoc benützt, benötigen Sie dafür mindestens 16 MB RAM. Trotz erster unterschiedlicher Berichte, die mir bekannt sind, scheint der allgemeine Eindruck von dieser Beta-Version ein positiver zu sein; es handelt sich um eine exzellente Demonstration der Möglichkeiten von OpenDoc. Die Beta-Version benötigt 5 MB, OpenDoc noch nicht berücksichtigt. [GD]
http://cyberdog.apple.com/
ftp://ftp.info.apple.com/cyberdog/
Erste Beta-Version: Shockwave Plug-In für Netscape -- Macromedia hat die Version Beta 1 (für Macintosh) seines Shockwave Plug-in-Moduls für Netscape Navigator 2.0 veröffentlicht, welches Netscape ermöglicht, Multimedia-Dateien, die mit Macromedia Director erstellt wurden, zu laden und abzuspielen. Das Plug-in läuft auf 68K-Macs und auf Power Macs; diese Beta-Version scheint stabiler zu laufen als die pre-beta-Vorläuferversion (siehe TidBITS-311). Obwohl einige Shockwave-Programmierer Fortschritte bei der Erstellung von Produkten machen, die über eine Modem-Verbindung durchaus nutzbar sind, kann ich das Plug-in nicht empfehlen, es sei denn, Sie können Netscape 8 MB RAM und 5 MB Disc-Cache zuteilen. Shockwave hat auch bekanntermaßen Schwierigkeiten mit Virtual Memory und mit Speed Doubler. [GD]
http://www.macromedia.com/Tools/Shockwave/
Corel "vervierfacht" das Mac-Team -- In einem offensichtlichen Versuch, alle Spekulationen vom Tisch zu fegen, die Entwicklung von WordPerfect für Macintosh werde nicht weiterverfolgt (siehe TidBITS-313), kündigte Corel an, daß der Macintosh-Mitarbeiterstab beinahe vervierfacht werde und außerdem geplant sei, in diesem Juni CorelDraw für Macintosh herauszubringen. Wie auch immer, Corels Veröffentlichung behauptet nicht wirklich, daß die Firma WordPerfect für Macintosh weiterentwickeln werde, sondern nur, daß sie "für Macintosh engagiert" sei und daß "einige gute Dinge unterwegs seien". Verwender von WordPerfect können nur hoffen, daß die Absicht klarer ist als die Sprache. [GD]
http://www.corel.com/novell/wpformac.htm
Netscape bald mit Live3D -- Letzten Freitag kündigte Netscape an, daß der Kauf von Paper Software Inc. geplant ist, den Herstellern der beliebten WebFX VRML (Virtual Reality Markup Language) Software für Windows. Die Technologie von Paper Softwares VRML wird in zukünftige Versionen von Netscape Navigator als Netscape Live3D einfließen und die inline-Unterstützung von dreidimensionalen VRML-Grafiken - definiert durch den soeben angekündigten Standard "Moving Worlds" VRML 2.0 - erlauben. Obwohl mehr als 50 Firmen die Unterstützung für VRML 2.0 angekündigt haben, hat dies Apple bemerkenswerterweise nicht getan. Beta-Versionen von Netscape Live3D sind für Windows 95 und Windows NT erhältlich, eine Macintosh-Version wird für "später in diesem Quartal" erwartet. [GD]
http://home.netscape.com/newsref/pr/newsrelease87.html
http://home.netscape.com/comprod/products/navigator/live3d/intro_vrml.html
Royal Software übernimmt Heizer -- Royal Software Inc. und Heizer Software kündigten am 17. Februar 1996 gemeinsam an, daß Royal Software die Heizer General Corp. für eine geheimgehaltene Summe erwerben wird. Heizer war lange Zeit der führende Hersteller von Tools wie Compilelt und WindowScript für HyperCard und andere Programmierumgebungen. Im Gegensatz dazu ist Royal Software eine unbekannte Größe unter der Führung von Heizers Langzeitkunden Ro Nagey, der dafür berühmt ist, daß er Reisen in die frühere Sowjetunion organisiert, mit dem Ziel, dort Kampfflugzeuge zu fliegen. Royal Software wird den Namen Heizer Software beibehalten und plant die Weiterführung von Online Marketing und die Hinzufügung von Produkten für die Zielgruppe der HyperTalk-Einsteiger. [GD]
http://www.interedu.com/heizer/
http://www.interedu.com/mig29/
Zum Weiterbestand der Reviews-Kolumne
von Adam C. Engst <ace@tidbits.com>
-- Wir überlegen die Einstellung unserer Reviews-Kolumne und wir möchten Ihre Meinung dazu wissen. Die Reviews-Kolumne befindet sich am Ende jeder TidBITS-Ausgabe und listet Produktkritiken aus etlichen führenden Macintosh-Zeitschriften auf. Der Nutzen dieser Kolumne besteht darin, daß eine Anzahl von TidBITS-Ausgaben nach einem bestimmten Besprechungsthema durchsucht und Veröffentlichungsdaten und mit diesen Besprechungen korrespondierende Seitenziffern gefunden werden können. Als wir TidBITS vor fast sechs Jahren begannen, gab es fast alle Macintosh-Magazine nur in Papierform und es war beinahe unmöglich, länger zurückliegende Besprechungen aufzufinden. Die Zeitschriften gaben jährliche Inhaltsverzeichnisse der Produktbesprechungen heraus, aber solange das benötigte Inhaltsverzeichnis nicht publiziert war, war man "aufgeschmissen". Die Möglichkeit, TidBITS online zu durchsuchen und Produktbesprechungen zu finden war für viele Leute eine Hilfe, und diese Möglichkeit hatte mehr Gewicht als die Tatsache, daß das allwöchentliche Eintippen der Reviews eine Menge Arbeit ist.
Die Reviews-Kolumne ist im wesentlichen obsolet geworden, da MacWEEK, MacUser und Macworld Web-Seiten mit Suchfunktionen und oft auch dem gesamten Inhalt der Produktbesprechungen anbieten. Diese Suchfunktionen sind großartig - wir nützen sie selbst, wenn wir bei der Suche zeitlich zurückgehen müssen. Es erscheint sinnlos, die bisherige Kopierarbeit nach Art der Mönche des Mittelalters fortzusetzen, wenn die Web-Sites mehr anbieten, als es unsere dürftigen Listen tun. Um Ihrer Frage zuvorzukommen: Wir haben nicht vor, URLs zu Online-Artikeln in die Reviews-Kolumne einzubauen, da dies unser ohnehin schon gewaltiges Arbeitspensum noch weiter vergrößern würde.
http://www.ziff.com/~macweek/reviews.html
http://www.ziff.com/~macuser/reviews.html
http://www.macworld.com/static/search.html
Wie auch immer: Statt eine einseitige Entscheidung zu treffen (etwas, dessen wir absolut fähig sind, das kann ich Ihnen versichern), beschlossen wir den Versuch einer einfachen Umfragemethode. Auf unserer Web-Site haben wir eine Umfrageseite installiert, auf der Sie ihre Meinung zur Auflassung der Review-Kolumne kundtun können. Diese Umfrage ist ganz einfach konzipiert und die Endergebnisse werden eigentlich nur in unserem WebSTAR-Logfile existieren. Sicher könnten wir ein CGI-Skript mit den Seiten verbinden und die Zugriffe auf diese Weise aufzeichnen, aber es hat keinen Sinn, sich für so etwas Simples anzustrengen.
http://www.tidbits.com/surveys/reviews-list.html
Da die Umfrage auf unserem Web-Server nur für Personen mit Web-Zugriff die Stimmabgabe erlaubt, können Sie auch via E-Mail abstimmen. Wenn Sie für eine Weiterführung der Reviews-Kolumne sind, senden Sie eine mail an <reviews-yes@tidbits.com>; wenn Sie für die Einstellung der Reviews-Kolumne sind, senden Sie eine mail an <reviews-no@tidbits.com> Beachten Sie bitte, daß diese mails nicht gelesen, sondern bloß gezählt werden. Wie gewöhnlich, sollten Kommentare bezüglich der TidBITS an <editors@tidbits.com> geschickt werden.
Beide Umfragemethoden werden bis Ende Februar zugänglich sein, danach werden die Stimmen ausgezählt werden.
Es ist uns bewußt, daß die Abstimmung, ob wir unsere Produktbesprechungen beibehalten oder nicht, nicht besonders spannend ist, deshalb - um die Spannung zu erhöhen - gibt es auf der Umfrageseite ein Bild von Tonya und mir, ein Bild von Mark und Geoffs GeoffCam-Bild. Wenn Sie die Gesichter hinter TidBITS interessieren, schauen Sie kurz vorbei. Und während Sie dort sind, klicken Sie auf Ja oder Nein, um Ihre Stimme abzugeben.
Sieg für den Menschen... dieses Mal noch
von Mark H. Anbinder, News Editor <mha@tidbits.com>
-- Wenn er das erste Spiel nicht verloren hätte, sagt Schachweltmeister Garry Kasparov, hätte ihn ein falsches Sicherheitsgefühl letzte Woche bei der historischen Schachpartie "Mensch gegen Maschine" gegen einen IBM SP Supercomputer (mit sehr vielen parallelen Prozessoren) in Schwierigkeiten gebracht. Am Samstag gewann Kasparov das Endspiel mit einem 4:2-Ergebnis über Deep Blue, nachdem der Computer nach 43 Zügen und 3 Stunden 45 Minuten Spielzeit aufgegeben hatte.
Letzte Woche sagte der Direktor des Cornell University Theory Center, der Physiker Malvin H. Kalos, bei einer Diskussion über die nächsten fünfzig Jahre der Computerbranche, das ausgeglichene Spielergebnis zeige, daß "wir am Limit dessen angelangt sind", was zunehmend leistungsstarke Computer erreichen können. "In der Vergangenheit gelang es keinem Computer, den besten menschlichen Schachspieler zu schlagen. Jetzt kann der Computer ebenso gut spielen wie der beste Mensch. In einem Jahrzehnt wird kein Mensch in der Lage sein, einen Computer zu schlagen." Kalos fügte hinzu: "Menschen mit Werkzeug werden viel fähiger sein als Menschen ohne Werkzeug."
Kalos leitet ein nationales Supercomputerzentrum in Cornell, wo eine weiterentwickelte Version des IBM SP Supercomputers mit 512 Prozessoren steht. Er und andere Computerwissenschaftler nützten die Gelegenheit, an ENIACs fünfzigstem Geburtstag letzte Woche Bilanz über die letzten fünfzig Jahre der Computerneuerungen zu ziehen und über die nächsten fünfzig nachzudenken. [ENIAC war der erste elektronische Rechner für allgemeine Anwendungen - siehe den URL unten. -Geoff] "Vor fünfzig Jahren hätte niemand auch nur annähernd voraussehen können, wo Computer heute stehen. Was allein in meinem Laptop an Stärke und Speichervermögen steckt, war damals unvorstellbar. Der Transistor war noch nicht einmal erfunden und die Vorstellung, daß sich Millionen davon auf einem Chip befinden, war schlicht undenkbar." Kalos stellt sich vor, daß in fünfzig Jahren genügend Computerleistung und Speichervermögen für einen "Gehirnclone" zur Verfügung stehen wird, einen Rechner, der so leistungsstark ist, daß er das menschliche Hirn simulieren und mit seinem menschlichen Pendant mitlernen kann.
http://www.seas.upenn.edu/~museum/
Die letzten Tage waren ironische Kommentare zu hören über sehr ähnliche Aussagen des IBM-Vorsitzenden Thomas Watson, der, wie verlautet, 1943 bemerkte: "Meiner Meinung nach gibt es einen Weltmarkt für etwa fünf Computer" und des Gründers der Digital Equipment Corporation, Ken Olson, der 1977 seinen Zweifeln Ausdruck verlieh: "Es gibt keinen Grund, warum jemand einen Computer für zuhause haben wollte", gerade zu einem Zeitpunkt, als eine neue Firma, Apple Computer, ihn zu widerlegen begann.
Das Theory Center in Cornell nützt seinen 512-Prozessoren-Supercomputer (tatsächlich einer von nur einer Handvoll auf der Welt, aber das ist nicht das, was Watson meinte), um Grand-Challenge-Probleme lösen zu helfen. Das sind weltweit ungelöste Aufgaben, von der Bundesregierung dahingehend definiert, daß sie Hochleistungsrechner zu ihrer Lösung erfordern. Die Anlage wird in erster Linie von Cornell, IBM, dem Staat New York und der National Science Foundation finanziert und wird von Wissenschaftlern der Disziplinen Astrophysik, Umweltwissenschaften, Biochemie und Medizinische Technologie genützt - wenn sie nicht gerade Schach spielt.
Kasparov, der nur einen Zug zum Gewinn des Wettkampfes benötigte, spielte seine letzte Partie mit der offensichtlichen Entschlossenheit, Deep Blue und seine Fähigkeit, mehr als 200 Millionen Rechenoperationen in einer Sekunde auszuführen, vernichtend zu schlagen.
Der Telecommunications Act 1996: Gutes, Schlechtes und Ungewisses
von Matthew Kall <mkall@umich.edu>
-- Unter großem Aufsehen unterzeichnete Präsident Clinton am 8. Februar 1996 den Telecommunications Act 1996 (und verlieh ihm damit Rechtskraft). Dieses Gesetz wird von der Online-Gemeinschaft fast einhellig abgelehnt, aufgrund einer einzelnen Bestimmung, die es zum Verbrechen erhebt, "obszönes" Material an Minderjährige zu vertreiben. Jedoch gibt es noch eine Reihe anderer Bestimmungen in diesem Gesetz, die grundlegende Änderungen für die alltäglichen geschäftlichen Operationen von Telefon-, Ferngesprächs-, Kabel- und anderen Firmen bringen.
Dieser Artikel gibt zuerst einen kurzen Überblick über die erkennbare Notwendigkeit der Modernisierung des U.S. Telekommunikations-Gesetzes. Zweitens beleuchtet er einige weniger bekannte Bestimmungen des Gesetzes und stellt Betrachtungen an, welche Auswirkungen diese Bestimmungen auf die Konsumenten haben werden. Schließlich beinhaltet er eine Zusammenfassung des Communications Decency Act und den Kampf dagegen. Der gesamte Gesetzestext (fast 400K) ist von der Library of Congress erhältlich.
ftp://ftp.loc.gov/pub/thomas/c104/s652.enr.txt
http://thomas.loc.gov/cgi-bin/query/z?c104:s.652.enr:
Die Beseitigung von Barrieren -- Als der Kongreß den Communications Act von 1934 verabschiedete, sah die Telekommunikationsindustrie entschieden anders aus als heute. AT&T war der einzige Anbieter von Ferngesprächsdiensten und Kommunikationseinrichtungen und die Firma war auch der alleinige Inhaber von lokalen Versorgungseinrichtungen. Die Gesetze wurden nur im Hinblick auf AT&T erlassen, unter der Annahme, daß für Dienste wie lokale Telefonversorgung kontrollierte Monopole existieren müssen. Der Rundfunk - welcher zu dieser Zeit in erster Linie AM-Radio bedeutete - hatte eine sehr begrenzte Bandbreite und wurde extrem reglementiert, um Signalinterferenzen zu verhindern.
Trotz enormer Änderungen in den dazwischenliegenden Jahren gab es nur einige wenige substantielle Gesetzesnovellen, die Entflechtung von AT&T von 1982 in kleinere unabhängige Einheiten unter den Namen Bell Operating Companies oder "Regional Bells" inbegriffen. Obwohl diese Aufspaltung den Ferngesprächsmarkt für den Wettbewerb öffnete, behielten die lokalen Telefongesellschaften das Monopol über ihre zugeordneten Märkte bei und die Beschränkungen der Federal Communications Commission (FCC) blieben aufrecht. Die FCC hielt die regionalen Bells von den Ferngesprächs-, Kabel- und Informationsdienst-Märkten fern.
Eine einzige weitere bedeutende Änderung ergab sich im Cable Act 1984, welcher die Oberhoheit der FCC über die Kabelgesellschaften etablierte und die regionalen Telefongesellschaften vom Betrieb von Kabeldiensten in ihren Regionen ausschloß. Der Kongreß hatte die Befürchtung, es könnte sonst wieder ein Monopol nach Art der AT&T entstehen.
Über Jahre hinweg haben all die Firmen, die von der Regulierung betroffen waren, immer wieder beim Kongreß deponiert, die Wettbewerbsbeschränkungen seien nicht mehr notwendig. Die Unterschiede zwischen Kabel-, regionalen und überregionalen Telefongesellschaften sind relativ gering geworden. Jede einzelne dieser Firmen hätte in den Märkten der anderen ohne große Schwierigkeiten tätig werden können. Die einzigen Hindernisse dabei waren die Vorschriften aus der Zeit, als eine Firma das Monopol auf dem Markt gehabt hatte.
Einfach gesagt - der Telecommunications Act beseitigt Barrieren, die Kabel- sowie regionale und überregionale Telefongesellschaften davon abhalten, in die Märkte der jeweils anderen einzudringen; der Markt für Informationsdienste öffnet sich. In naher Zukunft wird es in den Vereinigten Staaten möglich sein, Internet-Dienste bei regionalen oder überregionalen Telefongesellschaften oder bei Kabelanbietern zu buchen. Das regionale Monopol, das die "Regional Bell"-Gesellschaften über den lokalen Telefonmarkt gehabt haben, wird es nicht mehr geben - AT&T, MCI und der lokale Kabel-TV-Anbieter werden auch in diesem Segment tätig werden. Umgekehrt werden NYNEX, Ameritech und andere "Regional Bells" beginnen, ihrerseits auch Fernverbindungen anzubieten.
Diese Branchen sind nicht die einzigen, die von dem neuen Gesetz profitieren. Fernsehsender (die bisher auf ein einziges Signal pro zugewiesener Frequenz beschränkt waren) können nun mittels moderner Kompressionstechnologien mehrere Signale übertragen, solange diese nur eine Frequenz belegen. Auch lokale Elektrizitätsgesellschaften haben nun die Möglichkeit, sich auf den erwähnten Märkten zu betätigen.
Leider wird es einige Zeit dauern, bis die Ziele des Gesetzes sich in der Praxis auswirken werden. Die Verantwortung für den Abbau der Barrieren, die 60 Jahre bestanden haben, ist der FCC zugewiesen worden. Die FCC sieht sich der herkulischen Aufgabe gegenüber, mehr als 80 Regeln und regulierende Bestimmungen zu verbreiten, die zur Erreichung der Ziele des neuen Gesetzes bis August nötig sind. Diese Regeln sollen sicherstellen, daß lokale Anbieter zu ihren Einrichtungen zu konkurrenzfähigen Preisen Fernverbindungzugang gewähren. Dazu wird die FCC noch sicherzustellen haben, daß universelle Infrastruktur-Dienstleistungen (also Telefondienstleistungen für alle Personen in einer Region) weiter verfügbar bleiben.
Wegen der Zeit, die die FCC brauchen wird, um Regeln auszuarbeiten, die Wettbewerb in all diesen Branchen zulassen, wird es noch Monate oder gar Jahre dauern, bis die Konkurrenz wirklich in Gang kommt. Sobald dies geschieht, sind breitangelegte Marketing-Kampagnen zu erwarten (wie die zwischen AT&T, MCI und Sprint heute, nur in mehr Branchen). Die ersten Änderungen werden sich in den größeren Ballungsräumen anbahnen; kleinere Städte und ländliche Gegenden werden vielleicht gar keine bemerkenswerten Änderungen erleben.
Wie wird sich das alles auf die Preise auswirken? Hier gibt es zwei Denkansätze. Die meisten Kongreßmitglieder sagen, daß vermehrter Wettbewerb zu niedrigeren Preisen und höherer Qualität der Dienste führen wird. Viele Konsumentenvereinigungen nehmen ihnen das aber nicht ab; sie sind mißtrauisch, weil das Gesetz erst nach Jahren der Verhandlungen zwischen den Vertretern der Telekommunikations- und der Kabel-TV-Branche verabschiedet worden ist. Die Konsumentenvereinigungen befürchten, ein Entfernen der Barrieren könnte zu einer großen Zahl von Übernahmen und gemeinsamen Firmengründungen führen; die so entstehenden größeren Gesellschaften könnten leichter die Märkte dominieren und die Preise kontrollieren.
Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen diesen beiden Positionen. Zwar sind Verschmelzungen von Firmen und erhöhte Konzentration in manchen Märkten wahrscheinlich, aber die Existenz von Riesenfirmen führt nicht notwendigerweise zu Marktdominanz. Als Beweis dafür kann der Fernverbindungs-Telefonmarkt dienen, wo sich sehr große Firmen wie AT&T, MCI und Sprint heftige Kämpfe miteinander und mit etlichen kleineren Konkurrenten liefern, wobei die Konsumenten durch niedrigere Preise profitieren. Solange in Ihrer Region mehrere Anbieter vorhanden sind, werden Sie besser dran sein. Es gibt allerdings die Befürchtung, daß kleine oder geographisch entlegene Märkte keine Konkurrenz anziehen werden, was dem dort schon vorhandenen Anbieter ein Monopol verschafft.
Der Communications Decency Act -- Das Kapitel V im Telecommunications Act 1996 ist als der Communications Decency Act bekannt geworden. Die Absicht des Kongresses, wie der begleitende Bericht des Senats festhält, war es, "die Schutzmaßnahmen gegen obszönen, unzüchtigen, unanständigen und belästigenden Gebrauch eines Telefons" zu modernisieren und diese Bestimmungen in das digitale Zeitalter zu übertragen. Die Methode allerdings, mit der dieses Ziel erreicht werden soll, entspricht dem Versuch, eine Fliege mit dem Vorschlaghammer zu erledigen: Das Gesetz geht weit darüber hinaus, was notwendig ist, aber, nach Meinung vieler Leute, auch über das nach der Verfassung Zulässige.
Das neue Gesetz macht es zu einem Verbrechen (mit Gefängnissstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafen bis zu 250.000 US$ zu bestrafen), einen computergestützten Dienst dazu zu verwenden, um "irgendeine Art von Kommentar, Anfrage, Anregung, Vorschlag, bildliche Darstellung oder andere Mitteilung" zu verbreiten, die "im Kontext, sexualitäts- oder ausscheidungsbezogene Handlungen oder Organe in einer Weise, die nach den Maßstäben der gegenwärtigen Öffentlichkeit offenkundig anstößig ist, beschreibt oder bildlich darstellt, ohne Rücksicht darauf, ob der Benutzer eines solchen Dienstes die Übermittlung des Inhaltes veranlaßt hat."
http://www.eff.org/pub/Alerts/s652_hr1555_96_draft_bill.excerpt
[Dieses Material ist auch über die Suchmöglichkeiten auf der Web-Site der Kongreßbibliothek unter dem obigen URL verfügbar. -Geoff]
Nach Meinung der meisten Kritiker ist dieses Gesetz zu breit angelegt und verstößt gegen den ersten Zusatz zur Verfassung [First Amendment to the Constitution, --WJF], der festlegt, daß "der Kongreß kein Gesetz verabschieden soll, ... das die Freiheit der Rede schmälert". Nach dem neuen Gesetz könnte es möglicherweise ungesetzlich sein, online über Geschlechtskrankheiten, Empfängnisverhütung oder Anatomie zu diskutieren - diese Inhalte könnten als anstößig bewertet werden. Eine andere Bestimmung des Gesetzes (Paragraph 507) ergänzt Paragraph 1462 des Kapitel 18 im U.S. Code in der Weise, daß im Internet jede Diskussion über Abtreibung verboten ist.
Entgegen den meisten Berichten wendet der Communications Decency Act nicht lediglich die geltende Gesetzgebung betreffend Obszönitäten, wie sie für Fernsehen und Radio gilt, auf das Internet an; das neue Gesetz versucht, weit darüber hinaus zu gehen. Eine Person, die ein unanständiges Wort in einer privaten E-Mail-Mitteilung verwendet, könnte eines Verbrechens angeklagt werden, obwohl der Gebrauch desselben Wortes in einem Telefongespräch erlaubt wäre. Online-Ausgaben umstrittener Bücher wie "Der Fänger im Roggen" oder "Die Farbe lila" wären nicht gestattet. Aus Furcht vor Strafanklage könnten Museen die Bilder bestimmter Kunstwerke auf ihren Web-Seiten nicht darstellen. Das neue Gesetz ist nicht erforderlich, um Individuen anzuklagen, die Kinderpornographie oder obszöne Materialien verbreiten. Die schon bisher bestehenden Gesetze können angewandt werden (und werden angewandt), um die Online-Verbreitung illegaler Pornographie ebenso wie anderer illegaler Aktivitäten über Computer-Netzwerke zu verfolgen.
Einige Gruppen haben Kampagnen gestartet, um ihre Ablehnung dieser Bestimmungen zu anstößigen Materialien zum Ausdruck zu bringen. Nachdem Präsident Clinton die Vorlage per Unterschrift zum Gesetz gemacht hat, haben etliche Webmaster aus Protest die Hintergrundfarbe ihrer Seiten für 48 Stunden auf schwarz gesetzt [die Home-Page der TidBITS war schwarz. -Tonya]. Im gesamten Web tauchen blaue Schleifen des Protests auf. Vielleicht die extremste Reaktion auf dieses neue Gesetz war die Erklärung der Unabhängigkeit des Cyberspace ["Declaration of the Independence of Cyberspace", --WJF] von John Perry Barlow.
http://www.eff.org/pub/Publications/John_Perry_Barlow/barlow_0296.declaration
Wenige Augenblicke, nachdem die Vorlage von Präsident Clinton unterzeichnet worden war, haben die Electronic Frontier Foundation (EFF), die American Civil Liberties Union (ACLU) und einige andere Organisationen in Philadelphia eine Klage eingebracht, mit der die Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes in Frage gestellt wird. Der Fall wird vor drei Richtern verhandelt werden, deren Entscheidung direkt vor dem Obersten Gerichtshof angefochten werden kann. Der gesamte Prozeß wird sich sicher über mehr als ein Jahr hinziehen (siehe dazu unten).
Während dieser Fall anhängig ist, wird im Kongreß ein Kampf darum geführt, den Communications Decency Act wieder aufzuheben. Die Senatoren Pat Leahy (Demokrat, Vermont) und Russ Feingold (Demokrat, Wisconsin) haben Vorlagen eingebracht, um das Gesetz zu beseitigen. Erwarten Sie sich von diesen Initiativen nicht zu viel - es ist extrem schwierig, irgendetwas durch den Kongreß zu bringen.
http://www.eff.org/pub/Alerts/leahy_0296_cda_repeal.announce
Wenn Sie sich an einer detaillierteren Darstellung der Zensurbestimmungen im Telecommunications Act oder daran interessiert sind, an dem Kampf dagegen teilzunehmen, werden die folgenden Adressen aufschlußreich sein:
http://www.aclu.org/issues/cyber/hmcl.html
http://www.cdt.org/speech.html
http://www.eff.org/pub/Alerts/index.html
Am Donnerstag, den 5. Februar 1996 hat der U.S.-Bezirksrichter Ronald L. Buckwalter eine einstweilige Verfügung gegen einzelne Bestimmungen des Communications Decency Act erlassen. Das ist ein Sieg (wenn auch nur ein kleiner) für die Aktivisten gegen die Zensur.
http://www.eff.org/pub/Alerts/buckwalter_cda_021596.decision
Richter Buckwalter hat es dem Justizministerium untersagt, irgendjemanden wegen der Verbreitung von "unanständigem" Material ["indecent", --WJF] anzuklagen; er hat angemerkt, daß die Bezeichnung vage und nirgends definiert ist. Jeder, der Material verbreitet, das für "offensichtlich obszön" erachtet wird, kann nach wie vor angeklagt werden. Der Unterschied zwischen den beiden Ausdrücken ist nicht ganz klar; Anwälte und Richter haben darüber einen guten Teil eines Jahrhunderts lang gestritten. Juristisch kann "obszönes" Material nach der derzeitigen Rechtslage keinerlei Schutz unter dem Titel der freien Meinungsäußerung beanspruchen, "unanständiges" hingegen unter Umständen schon. Richter Buckwalter ist der Ansicht, daß das neue Gesetz nicht angemessen definiert, was unanständiges Material kennzeichnet; aus diesem Grund ist das Gesetz mehrdeutig und nicht durchsetzbar.
Die Entscheidung des Richters räumt einen zeitweiligen Aufschub ein und hat keinen dauerhaften Charakter. Die Electronic Frontier Foundation und andere Organisationen haben versprochen, ihren Kampf gegen alle Zensurbestimmungen des neuen Gesetzes fortzusetzen.
Die unbekannte Zukunft -- Obwohl die Auseinandersetzung vor den Gerichten und im Kongreß weitergeht, ist es unklar, welche Gesetze (wenn überhaupt) schließlich auf die Online-Übermittlung von strittigem Material anzuwenden sein wird. Eine denkbare Lösung wäre, den Benutzern selbst die Wahl zwischen Servern zu lassen, die sie besuchen, und solchen, die sie meiden wollen. Softwarefirmen bringen Produkte auf den Markt, die das Ausfiltern von aus dem Internet kommendem Material nach einer Anzahl von Kriterien gestatten (einschließlich des Inhalts, der Herkunft von einem bestimmten Server, der Tageszeit, des benutzten Programms und anderer Parameter). Derartige Filtersoftware würde niemanden zensieren und wird von Vertretern der Bürgerrechte oft als eine Alternative zu einer Gesetzgebung gesehen, die die Inhalte von Online-Material reguliert. Die Software erlaubt den Benutzern, jeden Server anzufahren; sie würde aber es auch Eltern, Lehrern und anderen gestatten, den Zugang zu Material zu sperren, das sie für bedenklich halten. Im Moment sind an derartiger Software für den Macintosh SurfWatch und Cyber Patrol verfügbar; andere Produkte werden sicherlich folgen.
[Bitte beachten Sie, daß diese Produkte in den Tiefen von bereits kniffliger Kommunikations-Software arbeiten und einige bekannte Probleme haben. Nach einer gewissen Reifezeit werden sie auch an Stabilität gewinnen. -Geoff]
http://www.surfwatch.com/
http://www.microsys.com/cyber/
Wenn Sie sich Gedanken darüber machen, daß Sie nach dem besprochenen Gesetz zur Verantwortung gezogen werden könnten - es gibt einige Maßnahmen, mit denen Sie sich schützen können. Wenn Sie eine Mailbox oder eine Web-Site mit Inhalten betreiben, die möglicherweise Ansto? erregen könnten, können Sie die Verantwortung nach dem neuen Gesetz vermeiden, indem Sie verhindern, daß dieses Material Minderjährigen zugänglich ist. Sollten Sie das Unglück haben, die erste wegen Verletzung des neuen Gesetzes angeklagte Person zu sein, wenden Sie sich an die EFF und an die ACLU, die rechtlichen Beistand bereitstellen können.
Ständige Autoren der TidBITS in dieser Ausgabe:
Adam C. Engst [ACE], Tonya Engst [TJE], Geoff Duncan [GD], Mark H. Anbinder [MHA].
Mitarbeit an der Übertragung dieser Ausgabe:
Walter J. Ferstl [WJF], Monika Tessadri-Wackerle [MTW].
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