In dieser Ausgabe berichten wir über eine neue Version von RealAudio und eine MPEG-Erweiterung für QuickTime 2.5. Wir begrüßen einen neuen Sponsor und vergleichen im Detail Eudora Pro und Eudora Light. Adam schließt an seinen Artikel der Vorwoche über Soft-Power-Macs an; Matt Neuburg schreibt zum Stand der Dinge in puncto Automation am Mac und vergleicht Makro-Programme, die wir in vergangenen Ausgaben besprochen haben.
Autorisierte Übertragung der TidBITS#357/09-Dec-96.
Die Originalausgabe finden Sie unter: <http://www.dartmouth.edu/pages/TidBITS/issues/TidBITS-357.html>
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Die Originalausgabe dieser TidBITS-Ausgabe ist via FTP auf den meisten Info-Mac-Mirrors verfügbar, so etwa:
<ftp://ftp.univie.ac.at/mac/info-mac/per/tb/tidbits-357.etx>
<ftp://nic.switch.ch/mirror/info-mac/per/tb/tidbits-357.etx>
<ftp://ftp.rrzn.uni-hannover.de/pub/mirror/info-mac/per/tb/tidbits-357.etx>
[Übersetzung: Walter J. Ferstl]
Ein Bellen zur Begrüßung -- Wir heißen unseren neuesten Sponsor, Small Dog Electronics, willkommen. In den DealBITS ist Ihnen Small Dog Electronics vielleicht schon wegen der eigentümlichen Mixtur aus fabrikneuer und aufbereiteter Hard- und Software aufgefallen. DealBITS und Small Dog waren ein gutes Paar: Die Leser hatten ihren Vorteil durch niedrige Preise, Small Dog konnte Sonderaktionen einem großem Kreis bekanntgeben. In der gleichen Weise glauben wir, daß Small Dog und die TidBITS zueinander passen. Small Dog hat seit kurzem eine Web-Site, die neben Sonderangeboten die ganze Reihe von Performas und Power Macs, von Bildschirmen und Druckern, auflistet. Eine FAQ-Seite erklärt, was unter "aufbereitet" ["refurbished"] zu verstehen ist. [TJE]
RealAudio 3.0 -- Progressive Networks hat den Real Audio Player und den Real Audio Player Plus 3.0 herausgebracht. Der Real Audio Player ist für private Nutzer kostenlos und verbessert die Audioqualität über 28.8-Kbps-Modemverbindungen; der kommerzielle Player Plus (30 US$) bietet verfeinertes Playback per Puffer, auch auf sehr schlechten Leitungen und einen "Record"-Modus zur offline-Wiedergabe. Der Real Audio Player ist 1 MB groß und läuft ab dem 68040-Prozessor, der Player Plus nur am Power Mac. [GD]
MPEG for QuickTime 2.5 als Beta -- In TidBITS-338 haben wir erwähnt, daß es in QuickTime 2.5 keinen Software-Support für MPEG gäbe; Apple hat jetzt eine Betaversion einer Erweiterung publiziert, die genau das auf Power Macs leistet. Die Erweiterung legt für MPEG-I-Streams eine eigene Spur an. Es können keine MPEG-Spuren abgespeichert werden, aber das Abspielen von MPEG-Video in Web-Browesern mit QuickTime-Plug-In ist möglich. [GD]
<http://quicktime.apple.com/sw/plugin_beta.html>
von Adam C. Engst <ace@tidbits.com>
[Übersetzung: Walter J. Ferstl]
Mein Artikel in TidBITS-356 zu Problemen, mit denen ein Neustart nach Stromausfall auf Macs mit Soft-Power-Schalter verbunden ist, hat ein starkes Echo gefunden. Was wie ein überschaubares Thema aussieht, begann rasch auszuufern. Hier also der Stand, wie ich ihn derzeit sehe.
Es gibt von Apple zwei Kontrollfelder, die Einstellungen für den Neustart eines Soft-Power-Mac nach Stromausfall anbieten: Auto Power On/Off und Energy Saver 2.0 (nicht dabei sind Energy Saver 1.0 oder CPU Energy Saver).
Energy Saver 2.0 [zu deutsch "Energie sparen"] arbeitet mit allen PCI-Power-Macs und möglicherweise mit manchen jüngeren NuBus-Power-Macs); Auto Power On/Off mit den meisten 68000-Macs mit Soft-Schalter seit dem IIsi (sie haben den "Cuda"-Chip gemeinsam) sowie mit allen NuBus-Power-Macs, die einen solchen Schalter haben. Auto Power On/Off könnte auch mit den PCI-Power-Macs funktionieren, ist aber durch Energy Saver 2.0 verdrängt worden. In der "Tech Info Library" führt Apple alle Aspekte der Kompatibilität für alle Macs auf.
Es scheint, daß Energy Saver 2.0 auf PCI-Power-Macs immer installiert ist, Auto Power On/Off hingegen nicht auf allen älteren Macs vorliegt, die es brauchen könnten (speziell auf diversen Performa-Modellen), um Konflikte mit der MegaPhone-Software zu vermeiden, die einige Performas als Anrufbeantworter einsetzbar macht. Es ist nicht klar, seit wann Auto Power On/Off existiert - es ist Teil von System 7.5, soll aber auch schon in System 7 Pro enthalten gewesen sein. Noch eigenartiger: Auf den System-Software-CDs von Power Computing ist Energy Saver 2.0 nicht dabei - Sie müssen es schon von einer Apple-CD holen.
Dave Warker <davew@waterw.com>
bietet eine alternative Lösung an:
Apple hat vor kurzem eine kleine technische Notiz zum "Server Power"-Modus
herausgegeben. Für unser FirstClass-BBS schien dies genau das richtige
zu sein, also schrieb ich eine kleine Erweiterung, die diesen Modus einschaltet,
wenn er auf dem jeweiligen Mac verfügbar ist. Die Extension funktioniert
auf dem IIvx und dem Power Mac 7500 gut, nicht aber auf meinem alternden IIfx.
<ftp://mirror.aol.com/pub/info-mac/cfg/server-power-10.hqx>
Joe Bruni <joseph_bruni@bigfoot.com>
geht ins Historische:
Beim Lesen Ihres Artikels mußte ich lachen. Der erste Mac mit der
programmierbaren Fähigkeit des automatischen Neustarts war der IIsi.
In den Entwickler-Unterlagen zum IIsi war groß von einem kommenden
Kontrollfeld die Rede, mit dem ein Zeitpunkt festgelegt werden könnte,
zu dem die Maschine sich selbst einschalten sollte. Dieser Zeitpunkt war
im PRAM niedergelegt, sodaß ein IIsi als Server nach Stromausfall
sich selbst neu starten hätte können. Der Haken: System 6.0.7 hatte
nie ein solches Kontrollfeld (der Entwickler-Support bei Apple hat mir den Code,
der dies leistet, auf Anfrage zugeschickt). Mit Hilfe dieses Codes hat Apple
später Auto Power On/Off und Energy Saver herausgebracht.
Die Entwickler-Notiz erklärt auch, warum dies geschehen ist. Während der Entwicklung des IIsi begann Apple, Chips mit mehreren Funktonen zu verwenden, darunter den Egret-Chip mit dem PRAM. der batteriegepufferten Uhr und dem Soft-Power-Schalter. Ein wagemutiger Techniker muß sich gedacht haben "wenn die Uhr und der Netzschalter auf demselben Chip liegen, kann sich der Mac selbst einschalten". Die Leute von der System-Software brauchten allerdings fünf Jahre, um den Chip so zu nutzen. Die meisten (wenn nicht alle) Macs mit Soft Power haben den Egret-Chip (oder eine Variante davon) und sind sowohl in der Lage, zeitgesteuert zu starten als auch nach Stromausfall per Software neu zu booten.
von Matt Neuburg <matt@tidbits.com>
[Übersetzung: Walter J. Ferstl]
Inmitten hektischer Neuerungen und unreifer Produkte ist es erstaunlich, daß irgendwelche Programme solide und sauber laufen und sogar so etwas wie "Klassiker" - und darüber hinaus unverzichtbar - werden können. Noch mehr verwundert, wenn eben solche Software kostenlos ist. Der alte Internet-Geist lebt aber noch - Eudora ist ein Beispiel für ein solches Programm.
Der typische TidBITS-Leser weiß: Eudora ist der Freeware-Email-Client schlechthin. Er ist das geistige Kind von Steve Dorner, damals auf der Universität von Illinois. Eudora ist nach der nahezu 90 Jahre alten Schriftstellerin Eudora Welty benannt und kam 1990 in der ersten Version heraus. Damals nahm die Ära ihr Ende, in der Internet-User ihre Mail per Telnet über Mainframe-Rechner abwickeln mußten.
1993 wurde das Programm dann von Qualcomm übernommen - einer Firma, die mit Mobiltelefonen und Satellitenkommunikation zu tun hat. Die kommerzielle Version wird als Eudora Pro vertrieben. Die Freeware-Variante, Eudora Light, steht großzügigerweise immer noch zur Verfügung.
Einige Zeit standen die beiden Versionen nicht auf derselben Stufe: Eudora Pro 3.0 gab es seit Juli, wogegen Eudora Light noch die Nummer 1.5.5 hatte. Qualcomm hat nun aber Eudora Pro 3.0.1 und Eudora Light 3.0.1 zusammen entwickelt und wird sie demnächst publizieren.
Solange 3.0.1 in Arbeit war, konnten Benutzer, die mit der älteren Light-Version nicht zufrieden waren, aber auch nicht Eudora Pro für 60 US$ kaufen wollten, eine Gratis-Demo-Version von Pro oder vorläufige Versionen von Light- und Pro-Versionen herunterladen. Sobald 3.0.1 in endgültigen Variante da ist, soll auch schon 3.1 als Beta zu haben sein.
<http://www.eudora.com/>
<ftp://ftp.qualcomm.com/quest/mac/eudora/1.5/eudora155fat.sit.hqx>
Ich verwende die kostenlose Versionen beinahe schon so lang wie ich Zugang zum Internet habe; vor etwa zwei Monaten begann ich Pro 3.0 zu benutzen. Ich will diese Version hier mit einer späten Beta-Version von Eudora Light 3.0.1 vergleichen.
Die Pro-Ebene -- Wer mit Eudora Light 1.5.5 (oder einer älteren Ausgabe) vertraut ist, wird etliche Neuerungen in 3.0 erkennen. Eine davon ist fragwürdig - formatierter Text im Body-Teil der Messages. Das funktioniert wie HTML, mittels Stil-Attributen wie "<italic>text</italic>", mit denen Formatierungsanweisungen über das Internet geschickt werden. Meine Frage: wozu denn das? Nicht einmal jedes E-Mail-Programm kann MIME, und spezielle Zeichen werfen oft das Textbild über den Haufen (sodaß etwa "=20" am Ende jeder Zeile erscheint etc.); hier kommt also noch ein nicht allgemein verständlicher "Pseudo-Standard" daher.
<http://www.qualcomm.com/People/presnick/textenriched.html>
Andere (und zwar begrüßenswerte) Neuerungen sind: Apples TextEdit als Basis ist von einer neuen Text-Engine von Peter Resnick abgelöst worden, die nicht an das 32K-Limit gebunden ist; Info-Mac Digests und TidBITS-Ausgaben werden nicht mehr in mehrere Messages zerteilt. Es gibt drag & drop von überall nach überallhin, auch für Attachments, die nun als verschiebbare, doppelklickbare Icons in der Message erscheinen. Mailboxen können Meta-Informationen in ihren Resource-Forks speichern - damit werden "TOC"-Dateien überflüssig. Es gibt Filter, die Gruppen von Messages (wie etwa die gerade angekommenen) verschieden behandeln können (z.B. sie in eine spezielle Mailbox verlagern), je nachdem, ob sie bestimmte Merkmalen entsprechen oder nicht. Der Such-Dialog wurde verbessert, ebenso der Nicknames-Dialog (der jetzt Address Book heißt). Das sind noch lange nicht alle Verfeinerungen, aber ich kann aus Platzgründen nur einige nennen.
Das Gegenstück: Light -- Was bei Eudora Light 3.0.1 im Vergleich zu Eudora Pro fehlt, ist die Art von Sonderfunktionen, die in erster Linie Benutzer in großen Firmen brauchen. Wenn ich von der mir vorliegenden Beta-Version ausgehe, haben die User der Light-Variante keinen Werkzeugbalken (den ich nie verwende), keine Message-Labels, keine "Word Services" (mit denen gewisse Programme wie die Spellswell-Rechtschreibprüfung verwendet werden können), kein FFC (d.h. kein Kopieren hinausgehender Replies in eine Mailbox), kein automatisches Umsetzen von Nicknames vor dem Verschicken, kein Öffnen eines Ordners, der sich nicht im Eudora-Folder befindet, keine Message-Templates, nicht mehr als zwei Signaturen, ein kleinerer Umfang an Filtern und nicht zuletzt kein Weg, formatierten Text zu erzeugen (der in einer hereinkommenden Nachricht dargestellt wird).
Was auch nur Pro-Benutzer erhalten, sind Mail Transfer Options, d.h. die Möglichkeit, zu einzelnen Messages Instruktionen an den Server mitzuschicken. Wenn Sie etwa Ihre Mail auf demselben Server vom Arbeitsplatz und von zu Hause abfragen, können Sie neue Nachrichten ansehen und die zu Ihrer Arbeit gehörigen löschen; zu Hause laden Sie dann nur noch die privaten Messages herunter. Diese Feinheit allein wird für viele User schon den Ausschlag zugunsten von Eudora Pro geben.
In den Niederungen Ein paar Dinge finde ich an Eudora zu kritisieren. Ein kleiner und sehr persönlicher Punkt ist der Gebrauch, den die Benutzeroberfläche von verborgenen Funktionen macht. Um das Kompaktieren einer Mailbox gezielt zu erreichen (unter gewissen Voraussetzungen geschieht es automatisch), müssen Sie auf die Idee kommen, mit Command-Taste auf die linke untere Ecke des Fensters zu klicken - es gibt keinen Menüpunkt dazu. Um die Mailbox zu öffnen, die gerade gelesene Message enthält, klicken Sie doppelt auf den Titelbalken (warum denn nicht per Command-click wie im Finder?). Eine neue Nachricht aus dem Adreßbuch, ohne zu diesem zu wechseln, wird durch Klick auf die "To"-Taste mit gedrückter Shift-Taste aufgerufen. Etliche wichtige Aktionen werden nur gezeigt, wenn Sie eine der "Modifier"-Tasten [also Command, Option, Shift... -WJF] niederhalten und dabei in den Menübalken klicken. Ich gebe zu, daß es in einem derart mit Features vollgepackten Programm schwierig ist, alles im Interface zugänglich zu machen (Balloon Help und Online-Hilfe sind hervorragend); aber auf diese Weise gibt es zahlreiche Funktionen, die viele Benutzer nie entdecken werden und andere (wie ich) werden sich schwertun, sich an die Kurzbefehle zu erinnern.
Andere Mängel: Eudora kann zwar per Skripts zu bestimmten Aufgaben angeleitet werden, aber diese Skriptfähigkeit ist unzulänglich. Nur ein kleiner Teil der Eudora-Funktionen kann von AppleScript oder Frontier ausgelöst werden; die Dokumentation für viele interne Einstellungen ist karg oder fehlt ganz. Die vorhandenen Filter-Funktionen sind unzureichend; z.B. gibt es keine Option, eine die Kriterien erfüllende Message als Text-Datei zu speichern. Zu all dem gibt es auf meinem Gerät einen Konflikt, durch den Eudora im Hintergrund, während eine andere Applikation (wie Fetch oder Netscape) aktiv und am Internet ist, schließlich abstürzt. Dieser Fehler tritt in allen Versionen auf, die ich getestet habe.
Die Siegestrophäe -- Dennoch schätze ich Eudora bei weitem höher als jedes andere Email-Programm, das ich sonst kennengelernt habe. Die grundlegende Metapher, Mailboxes als Fenster, die einzelnen Messages als (doppelklickbare) Zeilen in diesem Fenster und geöffnete Nachrichten wiederum als Fenster darzustellen, ist bis jetzt noch nirgends besser realisiert worden. Der Umgang mit Mitteilungen, die Funktionen Reply, Forward, Redirect und Send Again, sind einfach superb gelöst.
Egal, welche Version von Eudora Sie benutzen: Wenn Sie Ihre Email von einem POP-Server bekommen und mit einem SMTP-Server verschicken (wie die meisten Internet-User mit Einwahl- oder Permanentzugang) - Eudora ist das Programm der Wahl. Wenn Sie Eudora nicht verwenden, sind die POP-Server-Fähigkeiten so gut, daß Sie Ihren Administrator darum bitten sollten. Eudora ist einfach, übersichtlich, intuitiv, vielseitig, stabil, schnell und es macht die Abwicklung von Mail zum Vergnügen.
"Vergnügen" heißt nicht nur erfreulich und zufriedenstellend; es gibt auch tiefsinnigen Humor in Eudora. Die Checkbox, mit der der 3D-Modus der Oberfläche eingeschaltet wird, ist mit "Leistung an 3D-Schnickschnack vergeuden" [im Original "Waste cycles drawing trendy 3D junk", -WJF] beschriftet. Das Icon, das die vollen Message-Headers aus- und einschaltet, ist mit "Blah blah blah" benannt und so weiter. Auch hier lebt also noch der alte Geist des Internet in Eudora weiter.
DealBITS -- Cyberian Outpost bietet TidBITS-Lesern einen Sonderpreis für Eudora Pro: 56,95 US$ (4 $ billiger), wenn sie die folgende URL-Adresse benutzen:
<http://www.tidbits.com/products/eudora-pro.html>
von Matt Neuburg <matt@tidbits.com>
[Übersetzung: Hartmut Greiser]
Vor einiger Zeit ging es in TidBITS um drei Makroprogramme: QuicKeys (ab TidBITS-347), OneClick (in TidBITS-350) und KeyQuencer (in TidBITS-351). Diese Programme haben mich ins Grübeln gebracht, und zwar über den Mac im allgemeinen. Wenn alles so wäre, wie es sein sollte, dann bräuchten wir überhaupt keine Makroprogramme: für den Mac könnte man leicht auch so Scripts erstellen. Bis es aber soweit ist, bieten Makroprogramme willkommene Hilfe.
Zuckerbrot und Peitsche -- Das ist das Problem: unsere Software bestimmt, was wir tun, statt umgekehrt. Mein Mac, voll mit großartigen, vereinheitlichten Anwendungen, die mich zwingen, meine Arbeitsweise nach ihren Strukturen und meine Bedürfnisse nach ihren Möglichkeiten auszurichten, mein Mac kommt mir manchmal eher vor wie eine Ansammlung fundamentalistischer Priester denn als Möglichkeit, mich frei zu entfalten. Der Mac löst das Versprechen aus Apples berühmtem "1984"-Werbespot nicht ein: trotz der von uns bestimmten Aktionen, die angeblich die Hauptschleife jedes Mac-Programms steuern, bleiben wir heute noch Gefangene der Umstände und der eingeschränkten Wahlmöglichkeiten.
Eine Lösung wäre natürlich, sich seine Programme selbst zu schreiben, aber das hieße das Rad überflüssigerweise immer wieder neu erfinden. (Ich bin der Meinung, daß der Mac viel leichter zu programmieren sein sollte, aber das ist eine andere Geschichte). Für die meisten Arbeiten reichen wahrscheinlich die Programme aus, die Sie bereits haben - sie müßten nur besser auf Ihre Anforderungen eingehen oder sich nach Bedarf kombinieren lassen.
Ein Beispiel: ein Dutzend Mal am Tag, immer wenn ich "Finden und Ersetzen" mit Nisus Writer durchgeführt habe, betätige ich Command-S und nichts passiert. Warum? Ich sehe das Dokument, das "Finden/Ersetzen"-Fenster ist aber vorn, und für Nisus Writer ist das Speicher-Kommando dann nicht aktiv. Sollte man nicht annehmen dürfen, daß der Computer das irgendwann begriffen hat? "Hey Matt, Du drückst dauernd auf Command-S, während das Finden/Ersetzen-Fenster aktiv ist. Ich frage mich - heißt das, daß ich etwas für Dich speichern soll?" Na gut, der Computer wird nicht so schnell so reden oder denken. Wenn also ein Programm nicht das tut, was Sie wollen, dann müßten Sie die Möglichkeit haben, es entsprechend einzurichten.
[Der beste Versuch, diese Art Agenten-Technologie umzusetzen, ist die Shareware Open Sesame von Charles River Analytics, obwohl ich bei meinen Tests in der Vergangenheit nie irgendwelche brauchbaren Vorschläge bekam. Wenn Sie sich fürs Programmieren nach Beispielen interessieren, dann sollten Sie sich die Eager Demos von Allen Cypher ansehen.- Adam]
<http://www.cra.com/products/sesame/sesameinfo.html>
<http://www.atg.apple.com/Allen_Cypher/Eager/Eager.html>
Richtungweisend -- Mit dem Mac lassen sich keine Programme anpassen. Die Entwickler sind gezwungen, ihre Programme so zu verfassen, daß ihre Funktionen von der Öffentlichkeit kontrolliert werden können. Man könnte sagen, das Programm wird dadurch "scriptable".
Einen Standard für die Anpassungsfähigkeit gibt es nicht. In den frühen Tagen des Mac hat Apple die Entwickler dahingehend beeinflußt, die einheitliche Darstellung in freiwilliger Übereinkunft zu akzeptieren: Fenster sollen so aussehen, Menüs sollen so und Dialoge so funktionieren. Apple hatte damit so großen Erfolg, daß seine Human Interface Guidelines Aussehen und Arbeitsweise von Windows und anderen grafischen Oberflächen wesentlich beeinflußt haben. Auf Scriptfähigkeit hat Apple allerdings nicht bestanden, auch wenn dies nach System 7 leichter möglich gewesen wäre.
Das Ergebnis: die Bedeutung der Scriptfähigkeit erschließt sich den
Entwicklern nicht immer. Auf der MACSCRPT-Mailingliste kann man
beobachten, wie sich Scriptveteranen immer wieder (virtuell) gequält an
den Kopf fassen, weil die Entwickler es immer noch nicht "kapiert"
haben - wenn also einer der größeren Entwickler von den Lesern dazu
überredet werden will, daß ein Programm in der nächsten Version
scriptfähig sein soll. (Wenn Sie an der MACSCRPT-Liste interessiert sind,
schicken Sie eine Email an
Ich gehe davon aus, daß ein Computer dazu da ist, programmiert zu
werden, deshalb sollte idealerweise auch jedes Programm scriptfähig sein.
Wie und in welchem Ausmaß Sie das Verhalten eines Programmes aber
beeinflussen können, das variiert sehr stark. Manche Programme zeigen
all ihre Funktionalitäten, einige nur einen Bruchteil davon und manche
überhaupt nichts. Dann gibt es die "Plattform", von der aus ein
Anwender in eine Applikation eingreifen kann: ein Programm kann seine
eigene Scriptsprache mitbringen, es kann auf Anweisungen reagieren, die
über das Messaging-System des Mac kommen (Apple Events) oder es gibt
eine Mischung daraus. Dann gibt es noch den Grad, bis zu dem man das
Programm-Interface von seiner Funktionalität trennen kann; so
können z.B. Menüs oder Dialoge anpassungsfähig sein,
oder ein Programm kann eine Aufgabe im Hintergrund erledigen statt in
einem Fenster oder im Vordergrund.
Ihnen fallen wahrscheinlich noch andere Scriptmöglichkeiten ein. Worum
es eigentlich geht: auf einer Landkarte der Scriptfähigkeit
wären existierende Programme weit verteilt. Microsoft Word 6 z.B.
offenbart all seine Funktionalitäten über eine interne
Scriptsprache (manche werden auch an Apple-Events weitergegeben), Sie
können die Menüs nach Bedarf verändern oder sogar neue
Oberflächenelemente erstellen, wie eigene Dialoge und Paletten; Nisus
Writer 4.1 gibt nur einige seiner Funktionalitäten über eine
interne Scriptsprache preis (keine davon übrigens an Apple-Events),
seine Oberfläche läßt sich nur in engen Grenzen anpassen
(Sie können Tastaturkürzel ändern); MoviePlayer ist
überhaupt nicht scriptfähig und so weiter.
Wirre Scripts
-- Das Modell vollständiger Scriptfähigkeit (Word 6) ist
eher die Ausnahme als die Regel: die Scriptfähigkeit läßt
ganz allgemein sehr zu wünschen übrig. Nisus Writer sagt mir nichts
über Fonts oder Stil der aktuellen Auswahl, und Eudora läßt
sich von mir nicht vorschreiben, eine Nachricht zu markieren, ohne sie
zu öffnen. Die Fähigkeit von Word, Menüpunkten in bestimmten
Oberflächen bestimmte Funktionen zuzuordnen, ist sogar noch begrenzter
- vielleicht wird es ja im Mac OS 8 leichter, solche Applikationen zu
schreiben, ich würde aber nicht zuviel darauf wetten. Es gibt auch
interne Scriptsprachen, die sich mit anderen Programmen nicht verbinden
lassen: es ist zum Verrücktwerden.
Nehmen wir trotzdem einmal an, daß jedes intern scriptfähige
Programm auch eine externe Verbindung hätte, damit jedes Script einer
internen Scriptsprache auch von einem anderen Programm geschickt werden
könnte. Man könnte auf dem Standpunkt stehen, externe
Scriptfähigkeit sei vorzuziehen, weil sich alle internen Scriptsprachen
voneinander unterscheiden (und auch nicht besonders gut sein müssen),
wogegen die externe Scriptfähigkeit sich auf eine Sprache wie z.B.
AppleScript stützen könnte. Es gibt natürlich auch
ausgezeichnete interne Scriptsprachen (wie z.B. Excels Visual Basic),
und - fast paradox zu nennen - AppleScript-fähige Programme
können ihre eigene AppleScript-Syntax einführen. Zu lernen,
Scripts für solche Programme zu verfassen, gleicht immer noch dem
Erlernen einer neuen Sprache, vielleicht ist es sogar noch schwieriger,
da die Syntax sich nicht immer erschließt oder überhaupt nicht
dokumentiert ist. (Ich habe schon wer weiß wie oft Zuschriften an
die MACSCRPT-Liste von Leuten gesehen, die darüber verzweifelten, in
Eudora eine markierte Nachricht zu löschen: die magische
AppleScript-Formel 'move message 0 to end of mailbox "Trash"' ist nicht
offensichtlich.) Außerdem läßt sich mit externer
Scriptfähigkeit ein Grundproblem nicht lösen: Sie sind der
Gnade eines bestimmten Programmes ausgeliefert, wenn es darum geht,
wieviele der Funktionalitäten es zugänglich zu machen geruht.
Der Umgang mit Makros
-- Anpassungsfähige Programme sollten zulassen, daß man
vorhandene Funktionen neu verbinden kann. Es müßte auch
möglich sein, Funktionen anderer Programme einzubauen, um die
Stärken aller in einem Milieu zu verbinden, das den Zustand jedes
Programms feststellen und darauf reagieren kann, das die Stärken
des Systems als Ganzes nutzen kann und das Grundformen der Programmierung
mit üblichen Datentypen (wie Zahlen und Text) unterstützt.
Solange die Scriptfähigkeit noch nicht einheitlich ist, bleibt ein
Makroprogramm auf Systemebene die beste Plattform für Anpassungen.
Der Nachteil dieser Programme - egal wie gut durchdacht sie sind - ist der
Umstand, daß sie keine Möglichkeiten haben, Probleme und Bugs in
anderen Programmen oder Erweiterungen aufzudecken. Wenn eine Applikation
z.B. Probleme mit dem Handling von Fenstern hat, dann kann es Schwierigkeiten
dabei geben, Paletten oder Dialogkästen mit einem Makroprogramm
anzeigen zu lassen - auch wenn dieses Makroprogramm fehlerfrei läuft.
Trotzdem kann ein Makroprogramm auf Systemebene Schreibprozesse übernehmen,
Mausbuttons klicken, aus Menüs wählen und ganz allgemein
Anwenderaktionen simulieren, um auf diese Weise nicht oder nur teilweise
scriptfähige Programme zu steuern. Es kann in normale Programmschritte
eingreifen, auf Anwenderaktionen wie Tastaturbefehle reagieren, sich mit
Systeminformationen beschäftigen (z.B. welches Fenster aktiv ist,
was die Zwischenablage enthält, welche Files in einem Ordner liegen)
und sich kreuz und quer mit anderen Scriptumgebungen verständigen.
Außerdem läßt es sich idealerweise in einfacher aber
flexibler Form programmieren.
Von den drei Programmen, die wir in TidBITS besprochen haben, ist
WestCodes OneClick das am besten programmierbare: seine intuitive und
elegante Sprache hat viele Möglichkeiten, Anwenderaktionen zu
simulieren und jede Menge Funktionalitäten auf Systemebene und
Programmierelemente. Ein Vergleich mit HyperCard liegt auf der Hand, da
OneClick mehr ist als nur ein Makroprogramm: es ist eine kleine
Programmierumgebung. Die Buttons auf seinen Paletten reagieren auf
Clicks, zeigen Menüs an und reagieren auf Ihre Wahl. OneClick-Buttons
akzeptieren über Drag&Drop auch Textfiles, sie können sichtbar
oder unsichtbar sein, sie können Icons, Textinformationen oder
Verlaufsanzeigen ("progress bars") zeigen.
Wenn sich die Frage stellt "Warum kann das Programm dies nicht?",
dann greife ich zur Zeit immer zu OneClick. Bei Eudoras Filtern gibt es
z.B. keine Möglichkeit, das Speichern von Nachrichten als Textfiles von
ihrem Titel oder ihrem Absender abhängig zu machen: mit OneClick
ließ sich ein entsprechender Button ganz einfach schreiben. Bei
Nisus Writer mußte ich dauernd in verschiedenen Menüs herumsuchen,
bis ich Font, Stil und Größe einer aktuellen Markierung gefunden
hatte: jetzt habe ich eine OneClick-Palette, die diese Informationen immer
in Textform bereithält. Mit QuicKeys hätte ich das nie geschafft.
Deshalb habe ich mich davon, wie auch von anderen Utilities, getrennt.
<http://www.westcodesoft.com/>
Trotzdem setzt OneClick einige Kompromisse voraus. Wie andere Programme
auf Systemebene läuft es auf einem sehr niedrigen Level und kann mit
anderen Applikationen und Erweiterungen auf Kriegsfuß stehen,
zumindest war das auf meiner Maschine der Fall. Es steckt außerdem
auch noch etwas in den Kinderschuhen. Wenn es Ihnen Spaß macht, an
seiner spannenden Entwicklung teilzuhaben, oder wenn Sie Zeit haben, eigene
Tools zu entwickeln, dann mag das völlig in Ordnung sein, im Augenblick
aber vielleicht nicht gerade die Funktionalität bieten, die Sie
dringend suchen.
Mit KeyQuencer ist bestens bedient, wer eine einfache Oberfläche mit
minimalen Speicheranforderungen will oder wer ganz spezifische
Funktionen dieses Programmes sucht (z.B. die Fernsteuerbarkeit anderer
Maschinen, Druckerauswahl, Cursoranimationen u.s.w.). Binary Software
ist, ähnlich wie WestCode, sehr empfänglich für
Vorschläge - noch eine Möglichkeit für Sie, an der
Weiterentwicklung eines Programms teilzuhaben.
<http://www.binarysoft.com/keyquencer/keyquencer.html>
Wer sich lieber mit einer ausgereiften Sache beschäftigt - oder wer
keine Lust hat, eine textbasierte Sprache zu lernen -, der ist mit
QuicKeys gut bedient. Mit Dialogen und Aufzeichnungsmöglichkeiten
kann der Anwender Funktionalitäten zusammenbauen, ohne zu merken,
daß er sich mit Programmieren beschäftigt. Und - sehr wichtig -
QuicKeys ist schon seit längerem als sehr zuverlässig bekannt
und hat gelernt, mit vielen Non-Standard-Erweiterungen und User-Interfaces
zurechtzukommen, obwohl der Support von CE Software für dieses Produkt
inzwischen eher dürftig zu nennen ist.
<http://www.cesoft.com/quickeys/qkhome.html>
Es ist sehr wichtig, daß Sie über ein Makroprogramm verfügen,
mit dessen Hilfe Sie und nicht der Computer der Chef sind. Welches auch immer
Sie wählen: einen ernsthaften Fehler können Sie nicht machen. Jedes
von ihnen ist in der Lage, nicht-scriptfähige Programme zu steuern, in
jedem Fall können Apple Events mit scriptfähigen Programmen
zusammenarbeiten und alle sind erschwinglich. Sie können wählen,
was am besten zu Ihrer Arbeitsweise oder zu Ihren Anforderungen paßt.
Schenken Sie sich eins! Sie können auch mehr als eines nehmen und sie
kombinieren. Was auch immer Sie machen: übernehmen Sie die Kontrolle
über Ihren Rechner und lassen Sie 1997 nicht wie 1984 sein.
DealBITS
-- Unter der folgenden URL-Adresse bietet Cyberian Outpost KeyQuencer
immer noch für 33,95 US$ an (4 $ Rabatt). Diese Seite spricht nicht
explizit von einem Deal; es ist aber einer:
<http://www.tidbits.com/products/key-quencer.html>
WestCode Software hat auch ein besonderes OneClick-Angebot für
TidBITS-Leser. Unter dem folgenden URL können Sie es für 59,98 US$
erstehen, das sind 10 $ unter dem regulären Preis:
<http://www.tidbits.com/products/one-click.html>
Ständige Autoren der TidBITS in dieser Ausgabe:
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1995-97