Die Macintosh-Anwender beginnen das Jahr, indem sie über Apples Übernahme von NeXT spekulieren; in dieser Ausgabe nehmen Adam und Geoff die Transaktion unter die Lupe. Wir berichten weiter über neue Versionen von FileMaker, LetterRip, ListSTAR und RAM Doubler sowie über schwache finanzielle Ergebnisse von Apple im letzten Quartal.
Autorisierte Übertragung der TidBITS#360/06-Jan-97.
Die Originalausgabe finden Sie unter: <http://www.dartmouth.edu/pages/TidBITS/issues/TidBITS-360.html>
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Die Originalausgabe ist via FTP auf den meisten Info-Mac-Mirrors verfügbar, so etwa:
<ftp://ftp.univie.ac.at/mac/info-mac/per/tb/tidbits-360.etx>
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<ftp://ftp.rrzn.uni-hannover.de/pub/mirror/info-mac/per/tb/tidbits-360.etx>
Zum Jahresbeginn 1997 lassen Sie mich zuerst für Ihre Stimmen bei der Umfrage nach den 50 besten News Sites (American Journalism Review) danken. Die TidBITS wurden an die 17. Stelle von 50 gereiht, noch vor MSNBC und HotWired. Eric Meyer von AJR schreibt dazu: "Nahezu 1.300 TidBITS-Leser sind dem Aufruf (und dem Link zu NewsLink) gefolgt und haben für ihre Publikation gestimmt". Andere Macintosh-Publikationen konnten sich auch gut plazieren, darunter Ric Fords MacInTouch (25.), ZDNet (34., mit MacUser und MacWEEK) und Macworld (36.). Vielen Dank nochmals! [ACE]
<http://www.newslink.org/bestresults.html>
Viertes Quartal mies, 100 Millionen in rot -- Nach einem überraschenden Gewinn von 25 Millionen $ im vorigen Quartal hat Apple nun einen Verlust von 100 bis 150 Millionen Dollar für das Vierteljahr angekündigt, das am 27. Dezember endet. Der Grund, so Apple, seien schwache Performa-Verkäufe und Lieferengpässe bei PowerBooks. Der hohe Verlust könnte weitere Umstrukturierungen und vielleicht Entlassungen bringen. [JLC]
<http://product.info.apple.com/pr/press.releases/1997/q2/970103.pr.rel.earnings.html>
Post kommt schneller Der Bereich Mailinglist-Software für den Mac hat mit ListSTAR 1.1 von StarNine und LetterRip 1.0 von Fog City Zuwachs erhalten. ListSTAR 1.1 (ein Gratis-Upgrade von 1.0) bringt Templates für neue Mailinglisten und E-Mail-Dienste sowie Digests mit Inhaltsverzeichnis; es ist auf Open Transport abgestimmt. ListSTAR ist in SMTP- (499 US$) und POP-Version (199 US$) zu haben, wobei die SMTP-Variante stärker ist. Wir betreiben die TidBITS-Mailingliste (43.000 Einträge) mit ListSTAR 1.1, die Software bewährt sich hervorragend.
LetterRip (295 US$, Testversion für 30 Tage verfügbar) folgt einem anderen Modell. ListSTAR ist sehr flexibel und leider auch komplex; LetterRip hingegen hat Beifall für die hohe Bedienerfreundlichkeit gefunden. LetterRip arbeitet auch mit Open Transport und kann fernbedient werden. [ACE]
<http://www.starnine.com/liststar/liststar.html>
<http://www.fogcity.com/letterrip.html>
RAM Doubler 2.0.1 -- Connectix hat ein Update zum RAM Doubler 2.0 herausgebracht, mit dem der Arbeitsspeicher, den Ihr Mac zu haben glaubt, verdoppelt oder verdreifacht werden kann (siehe TidBITS-351). Das Update 2.0.1 behebt ein Problem mit Retrospect 3.0 und Wechselmedien auf PCI-Macs und wird für das schnelle Kopieren im Netz bei der kommenden Version 2.0 von Speed Doubler erforderlich sein. [GD]
<http://www.connectix.com/connect/upda.ram.html>
FileMaker 3.0v4 -- Claris hat ein Update zur Version 3.0 von FileMaker publiziert, das eine Reihe von Speicherproblemen und andere Fehler bei der Auswahl von Datensätzen, beim Drucken etc. behebt. Das Update ist für die U.S.-Version geschrieben, andere Varianten werden folgen.
<http://www.claris.com/software/highlights/filemaker/updaters/docs/3.0v4.html>
FileMaker 3.0 hat Probleme, auf Apple Events zu reagieren, wenn ObjectSupportLib 1.1.1 installiert ist (was zum Beispiel durch Vorab-Versionen von AOL 3.0 geschieht). Claris stellt ObjectSupportLib 1.1.6 zur Verfügung, was mit FileMaker gut funktioniert, aber mit anderen Programmen, wie Eudora, Schwierigkeiten macht. Wenn Sie Probleme mit Apple Events und FileMaker haben, sollten Sie zur Version 1.1 (in Ihrer System-Software enthalten) zurückkehren und eine Kopie von 1.1.6 in den FileMaker-Ordner legen. [GD]
<ftp://ftp.claris.com/pub/USA-Macintosh/Updaters/ObjectSupportLib1.1.6.bin>
von Adam C. Engst <ace@tidbits.com>
[Übersetzung: Walter J. Ferstl]
Am Freitag, den 20. Dezember, wir waren gerade am Packen für unseren Weihnachtsurlaub, begannen die Gerüchte um eine NeXT-Übernahme durch Apple ernst zu werden. Gegen Abend ging dann das Geraune in Realität über - Apple gab eine Pressekonferenz. Wir waren gerade dabei, zum Flughafen zu fahren; Apple hatte es (wie immer) unterlassen, die TidBITS zu einer Teilnahme an der Konferenz einzuladen. Dennoch war es nicht schwierig, an Informationen über die Transaktion heranzukommen; die Mail während der Feiertage lieferte Gedanken über den Deal, einige solide fundiert, andere eher von bizarren Meinungen getragen. Hier meine Überlegungen:
Be und dann NeXT -- Die Gerüchte zu einer Übernahme von Jean-Louis Gassees Be Inc. durch Apple wucherten in den letzten Monaten üppig (siehe TidBITS-343). Ich kenne Jean-Louis als brillanten Kopf und das Be OS ist fraglos hervorragend (aus meiner Sicht besonders wegen der objektorientierten Datenbank, die dem Dateiensystem zugrundeliegt). Die Modernität des Systems ist aber Segen und Fluch zugleich. So gut es Be gelungen ist - Be OS ist kein ausgereiftes Betriebssystem, das schon von Hunderttausenden von Benutzern einem harten Praxistest unterzogen worden wäre.
Diese Fakten werden allgemein anerkannt. Was hingegen nicht so klar ist: Was macht Apple mit einem zugekauften Betriebssystem? Die meisten Leute redeten dauernd von den Feinheiten des Be OS - geschützte Speicherbereiche, echtes ("preemptive") Multitasking und dergleichen Dinge mehr, die den Experten das Wasser im Mund zusammenrinnen lassen. Ich bekam oft die Meinung zu hören, daß Apple nur die Wahl zwischen dem Kauf von Be und dem Untergang zu entscheiden hätte. Ich verstehe von diesen technischen Dingen zu wenig.
Zu dieser meiner Unwissenheit stehe ich. Ich habe einen Abschluß in Hypertext- und klassischer Literatur, nicht in Computerwissenschaft. Wie ich dürften 99 Prozent der Mac-Benutzer nicht über den technischen Hintergrund verfügen, um diese Fragen beurteilen zu können. Der Rest von einem Prozent hat dann nicht die internen Informationen betreffend den aktuellen Stand beim Apple-Betriebssystem oder beim Be OS.
Ich kann mir auch jetzt, da Apple statt Be nun NeXT gekauft hat, keine deutlichere Meinung bilden. Wenn ich aus den widersprüchlichen Äußerungen, die wir von Apple-Leuten gehört haben, etwas schließen soll: Auch die Personen, die die Entscheidung getroffen haben, sind sich nicht ganz sicher. Wir werden nicht nur das, was Amelio auf der Macworld Expo sagt, bedenken müssen, sondern auch die realen Informationen von den Technikern, sobald diese mit der Arbeit an der NeXT-Technologie begonnen haben.
Public Relations -- Ich sehe den Kauf von NeXT durch Apple positiv. Es scheint, als ob das Management von Apple die Notwendigkeit, etwas Aufsehenerregendes zu tun, erkannt hätte (und sei es nur, um die Flut negativer, haltloser Meldungen aus der Presse ein wenig einzudämmen). Apple muß die Dinge durchschütteln, und zwar intern und extern. Neue Entwickler in die Betriebssystemsparte hereinzubringen wird sicher einiges bei Apple ändern; der quecksilbrige Steven Jobs wird die Aufmerksamkeit der Benutzer auf sich ziehen.
Aber was hat das mit der Presse zu tun? Ich glaube, Apple hat den falschen Zeitpunkt für die Ankündigung gewählt - unmittelbar vor Weihnachten. Warum wurde die Neuigkeit nicht für eine Grundsatzrede auf der Macworld Expo aufgehoben? So waren zahlreiche Publikationen, wie TidBITs und MacWEEK, in den Ferien (MacWEEK hatte die Meldung allerdings auf der Web-Site).
Von den PR-Effekten einmal abgesehen: Was sind die realen Vorteile der Übernahme? Sie lassen sich in drei Gruppen einteilen: Hilfe beim Betriebssystem, eine hochentwickelte Internet-Strategie und der Zutritt zu bestimmten großen Firmenkunden.
NeXTstep und OpenStep -- NeXTstep habe ich zuletzt 1989 auf der Cornell-Universität verwendet, wo es den ersten allgemein zugänglichen Raum mit NeXT-Würfeln gab. Das war leider die Version 0.8 von NeXTstep; sie ließ zwar einiges erhoffen, aber die Unix-Wurzeln brachen doch immer wieder durch. Seit damals hat NeXT viel Arbeit geleistet; ohne Frage haben NeXTstep und OpenStep (die portierte Version für Intel-Hardware) ihre treuen Anhänger gewonnen. Ich kenne Leute, die auf mehreren Arbeitsplätzen NeXT-Benutzer geblieben sind (es ist ja schon schwer genug, nach einem Jobwechsel weiter am Mac arbeiten zu können - wie zäh muß erst ein Arbeitgeber davon zu überzeugen sein, daß Sie NeXTstep auf Ihrem Computer betreiben wollen!)
OpenStep, die aktuelle Anwendungsumgebung von NeXT, ist im wesentlichen "Middleware", die zwischen dem Kernel und den Applikationen vermittelt. Mit einem anderen Kernel kann OpenStep auch auf anderen Plattformen, wie etwa Windows NT, laufen. OpenStep ist konzipiert dazu, auf verschiedenen Kernels zu laufen; das könnte Apple die Flexibilität geben, das Mac-Betriebssystem zu modernisieren und gleichzeitig die Kompatibilität mit vorhandener Mac-Hardware und -Software aufrechtzuerhalten.
Zweitens ist es viel weniger zeitaufwendig, für OpenStep zu entwickeln als für die meisten anderen Betriebssysteme. Das ist der Grund für die Popularität von NeXT in gewissen Großfirmen, die auf maßgeschneiderte Applikationen angewiesen sind. Die Kehrseite der raschen Programmierbarkeit ist die Verwendung von Objective C, das nicht so weit verbreitet ist wie C++.
Drittens hat die NeXT-Technologie vielleicht nicht alle modernen Qualitäten des Be OS, aber dafür Zeit und Reife auf ihrer Seite. Wenn es ein Ziel Apples war, durch den Kauf eines Betriebssystems die Stabilität und Zuverlässigkeit des Macintosh zu verbessern, war es sinnvoller, mit dem Bewährten zu gehen als mit dem glitzernden Neuling.
WebObjects und das Internet -- Der zweite Aspekt, wo NeXT gut zu Apple paßt, sind Internet-Technologien. Die Internet-Schwerpunkte von Apple liegen bei Multimedia und weit fortgeschrittenen Dingen wie MCF, die vielleicht nie zu Standards werden (siehe TidBITS-355). Derzeit stammen einige von Apples Internet-Stärken von anderen Entwicklern und sind nicht an den Mac gebunden.
Dagegen handelt es sich bei WebObjects um teure, hochentwickelte Software, die auf große Anwender zielt. Im Kern sind WebObjects CGIs, mit denen eine Firma ihre Datenbank in das Web bringen kann. So weit nichts Neues, aber WebObjects ist ein praxisnahes Konzept, das auch mit den Daten ältlicher Großrechner funktioniert. Damit ist diese Option zwar nicht spektakulär, aber für Apple ein wichtiger Schritt in einen zahlungskräftigen Markt.
Wie Apple WebObjects in die vorhandenen Internet-Technologien integrieren wird, ist noch nicht klar, aber die WebObjects haben ihren klar definierten Markt und lösen reale Probleme (was man nicht von allen Apple-Internet-Initiativen behaupten kann).
Ein Fuß in der Tür -- Der dritte Vorteil der Übernahme: Durch NeXT könnte Apple Zutritt zu etlichen Großfirmen erhalten, die bisher den Macs keine Chance gegeben haben. Apples Probleme mit den Konzernen scheinen sich in meiner Sicht davon herzuleiten, daß der Macintosh als der erste Computer für Individuen konzipiert ist. Kreative Leute schätzen den Mac seit jeher, aber der Ausdruck eigener Ideen geht mit den Zielen großer Unternehmen oft nicht zusammen. Dort ist man mehr an Standardlösungen interessiert, die auch einen Mitarbeiterwechsel überstehen. In den letzten Jahren hat sich die Lage etwas gebessert, aber große Stückzahlen an Konzerne zu verkaufen ist trotz der Vorzüge des Mac ein Kampf gegen Widerstände geblieben.
NeXT hat ähnlich wie Apple eine loyale Gefolgschaft aufbauen können; Big Business war aber immer ein Zielmarkt von NeXT. Daher könnte der bessere Ruf von NeXT (wegen der flexiblen Lösungen) auch Apple zu einem Fuß in der Tür verhelfen.
Eine Stimme in mir sagt "Vergiß Big Business, brauchen wir nicht!" Das klingt zwar gut, ist aber vermutlich falsch. Apple braucht die Anerkennung der Geschäftswelt; fehlt diese, tauchen negative Berichte in der Presse auf, die den Ruf der Firma schädigen. Wenn die großen Firmen den Mac weiter meiden, wird es für Einzelne noch schwerer, den Kauf von Apple-Produkten zu rechtfertigen.
Ausblick -- Noch einmal: Ich halte den NeXT-Kauf durch Apple für einen guten Zug, in erster Linie wegen der vorteilhaften Wirkung auf die öffentliche Meinung. Ich bin schon (wie alle) gespannt, wie Apple OpenStep in die System-Planung integriert und wie sich Leute und Technologie von NeXT bei Apple einfügen. Ich hoffe auch, daß Steve Jobs einen genialen Funken bei Apple einbringt. Die Kombination aus Jobs' Visionen und der nüchternen Stabilität Amelios könnte unschlagbar sein.
von Geoff Duncan <geoff@tidbits.com>
[Übersetzung: Hartmut Greiser]
Das 20. Apple-Jubiläum ist durch eine wichtige Änderung der Firmenphilosophie geprägt: die Übernahme von NeXT Software. Während Apple diesen Schritt mit fünf wenig aussagekräftigen Gründen erklärt, ist der größte Teil der Mac-Gemeinde hauptsächlich an zwei Dingen interessiert - wie sieht ein Apple-NeXT-Betriebssystem aus und wann wird es ausgeliefert?
Zunächst eine Warnung: gehen Sie nicht davon aus, daß Sie von TidBITS - oder von irgendeiner anderen Mac-Publikation - in der nächsten Zeit eine endgültige Beurteilung des Apple-NeXT- Zusammenschlusses erhalten werden. Apple und die Mac-Gemeinde werden in den nächsten Monaten nicht mehr tun können, als im Nebel herumzustochern. Mit der Übernahme von NeXT hat Apple das Feld bestimmt, auf dem gespielt werden soll - die Feuertaufe der Fusion wird wahrscheinlich aber erst auf der Entwicklerkonferenz (WWDC) im Mai 1997 zelebriert werden. Bis dahin werden keine Wetten angenommen.
Was passierte wann? -- Wegen der zahllosen Ankündigungen, Expertenverlautbarungen und wegen der Ferienzeit in den letzten beiden Wochen ist es nicht ganz leicht nachzuvollziehen, wie es zu dem Apple-NeXT-Zusammenschluß kam. Die folgende Übersicht soll die Zusammenhänge kurz beleuchten:
<http://live.apple.com/next/961220.pr.rel.next.html>
Der Plan (soweit wir ihn kennen) -- Wie bereits vor der Macworld Expo zu erfahren war, läßt sich Apples Betriebssystem-Strategie wie folgt zusammenfassen:
Diese Pläne sollten Sie nicht dazu verführen, im Web nach Screenshots des NeXT-OS zu surfen und sich vorzustellen, vor dem zukünftigen Mac zu sitzen. Egal was sonst passiert, Apple muß einen Macintosh produzieren. Dessen schon legendäre einfache Handhabbarkeit und das elegante Design muß sich auch in jedem künftigen System wiederfinden, wenn Apple im Kampf gegen Windows NT und andere Betriebssysteme bestehen will. Das heißt nicht, daß gute NeXT-Ideen abgelehnt werden, es geht nur darum, die Stärken und Eigenarten des Macintosh unmißverständlich zu erhalten.
Die NeXTen Hürden -- Warum gibt es bisher nur vage Vorstellungen von einem Mac-NeXT-Betriebssystem? Ganz einfach: Apple und NeXT hatten bislang keine Gelegenheit, die komplexen Zusammenhänge zu untersuchen, die einem solchen Projekt eigen sind.
Zunächst ist da die Frage des Kernel. Dabei handelt es sich um eine relativ kleine Software, die so ziemlich alle Bestandteile eines Betriebssystems koordiniert, wie z.B. Speicherzuteilung, das Prozeß-Management, Datenzugang und das Zusammenspiel mit der Hardware. OpenStep ist dagegen eine umfassende Softwareschicht, die auf einer Reihe verschiedener Kernels läuft; zur Zeit läuft sie auf dem Mach-Kernel (einer Unix-Variante) und auf Windows NT und kann auch auf anderen Unixarten eingesetzt werden.
Eine von Apples ersten Aufgaben beim Design eines Mac-NeXT-Betriebssystems wird die Entscheidung sein, welcher Kernel als Baustein für Macintosh-Hardware benutzt werden soll. Es gibt viele, die Unix gern als Herz des Macintosh sehen würden und die darauf hinweisen, daß Apple bereits die Entwicklung einer Linuxversion für den Power Macintosh sponsert, die auf einem Mach-Kernel aufsetzt. Da OpenStep bereits für Unix verfügbar ist, glauben viele Leute, daß Mach der naheliegende und beste Weg für Apple sei.
<http://www.mklinux.apple.com/>
Was die Macintosh Hardware betrifft, würde ich persönlich auf den NuKernel tippen; das ist der Mikrokernel, den Apple für Copland entwickelt hat. Der NuKernel ist zwar - aus gutem Grund - nicht ausgeliefert worden, in seine Entwicklung hat Apple aber viel Zeit investiert und dabei immer die existierende Hardware (PowerBooks und diverse AV-Charakteristika) und die Software (QuickTime, OpenDoc) im Blick gehabt. OpenStep könnte aber die Möglichkeit zur Entwicklung eines Mac-Betriebssystems bieten, das für Non-Macintosh-Hardware geeignet ist. Denkbar wäre auch, daß Anwendungen, die für den Macintosh geschrieben wurden, auch unter anderen Betriebssystemen laufen.
Eine weitere fundamentale Frage für Apple betrifft die Monitortechnologie. Die Wiedergabe am Monitor beruht bei NeXT auf Display PostScript, eine der beeindruckenden Eigenschaften von NeXT. Die Profis im Grafikgeschäft träumen schon lange von Display PostScript auf einem Macintosh. Apples NeXT-Übernahme heißt aber nicht zwingend, daß Display PostScript Teil des Mac-Betriebssystems wird. Zunächst einmal hält Adobe die Rechte an Display PostScript und verlangt für jede verkaufte Kopie Lizenzgebühren, genau wie bei jedem PostScript-Drucker. Apple müßte aus verständlichen Gründen zurückhaltend sein, für Display PostScript eine Lizenzvereinbarung einzugehen, die nicht nur das Mac OS auf Gedeih und Verderb der Adobe-Technologie ausliefern würde, sondern die darüberhinaus die heute schon erheblichen Kosten des Mac-Betriebssystemes weiter steigern würde. Außerdem besitzt Apple eine Technik für Grafik und Typographie, die Display PostScript in vielerlei Hinsicht überlegen ist: QuickDraw GX. Die Unterstützung der Entwickler für QuickDraw GX ist allerdings (aus verschiedenen) Gründen eher zurückhaltend gewesen. Von Apple war über die Zukunft von Display PostScript oder QuickDraw GX bislang nichts zu hören.
Kompatibilität -- Ein sehr wichtiger Punkt betrifft die Rückwärtskompatibilität mit heutigen Anwendungen. Macintosh-Benutzer erwarten (mit Recht), daß die große Mehrheit der aktuellen und der künftigen Mac-Anwendungen auch unter einem Mac-NeXT-Betriebssystem funktionieren. Apple täte gut, sich daran zu erinnern, daß ein gut Teil der Kundenbindung auf der kompromißlosen Rückwärtskompatibilität beruht. Ein Mac Plus läuft immer noch mit System 7.5.5, und viele Anwender (auch ich) benutzen immer noch Software von 1988 oder früher. Apple könnte zwar versuchen, der Basis der Mac-Benutzer über einen Zwei- bis Dreijahreszeitraum den Übergang zu einem neuen Betriebssystem zu bieten, das als Mindestanforderung in vernünftigem Ausmaß mit System-7.x-Anwendungen kompatibel sein muß.
Ein Schlüssel zur Rückwärtskompatibilität könnte in der Arbeit zu finden sein, die Apple schon in MAE investiert hat, einer Macintosh-Anwendungsumgebung, die im Prinzip Mac-OS-Applikationen auf verschiedenen Unix-Workstations laufen läßt. MAE ist nicht fehlerfrei, es stellt aber eine erstaunliche Anzahl von Macintosh-Services auf Non-Macintosh-Hardware zur Verfügung. Die technischen Erkenntnisse bei Apples Arbeit an MAE können zu einer echten Rückwärtskompatibilität für 7.x Applikationen unter einem neuen Mac-NeXT-Betriebssystem führen, sogar auf Non-Macintosh-Hardware und/oder Non-Apple-Kernels.
Verkaufs- und technische Unterstützung -- Es ist denkbar, daß viele wesentliche Apple-Technologien auch in einem künftigen Mac-NeXT-System zur Verfügung stehen werden. Einige davon - wie QuickTime - gehören zu den begehrtesten Juwelen in Apples Schatulle, und es ist lebenswichtig für Apple, sicherzustellen, daß erstklassige Anwendungen unter einem Apple-Betriebssystem funktionieren. Deshalb ist es auch wahrscheinlich, daß Apple sich weiter bei OpenDoc engagieren wird, das (theoretisch) in großem Maße von einem Mac-NeXT System profitieren würde. Die Aussichten für Technologien wie Spracherkennung, QuickDraw 3D und (ganz besonders) QuickDraw GX sind weniger klar. Andere zentrale Apple-Technologien - AppleTalk, Apple Events - bleiben unverzichtbar für ein neues System, das echte Mac-Eigenschaften aufweisen soll.
Weniger klar ist, wie gut unabhängige Entwickler ein neues Betriebssystem annehmen werden. Mehrere Firmen für Entwickler-Tools (wie Metrowerks, Symantec, Altura und Tenon Intersystems) haben schon ihre Absicht bekundet, ein Mac-NeXT System zu unterstützen. Während der Macworld Expo wird es sicher weitere Zugeständnisse von Anbietern geben. Trotzdem - es ist eine Sache, Pläne zur Unterstützung eines neuen Systems anzukündigen. Die Bereitstellung der Produkte ist eine ganz andere Sache. Erst nach der Entwicklerkonferenz im Mai werden Apple und die Mac-Anwender genau wissen, wie stark die Unterstützung für ein Mac-NeXT-OS ausfallen wird.
Was erwartet uns auf der Macworld Expo? -- Seien wir ehrlich: Apple und NeXT hatten gar nicht genug Zeit, tragfähige Entscheidungen für alle wichtigen Themen zu finden, die zu einem Mac-NeXT-System dazugehören. Gehen Sie deshalb davon aus, daß Apple nur sehr vage Terminangaben machen ("erste Hälfte 1998") und sich nicht festlegen wird, was Abwärtskompatibilität, was Kerntechnologien und Schlüsselmärkte betrifft. Apples Zielvorstellungen auf der Macworld Expo diese Woche sind einfach: Engagement für ein modernes Betriebssystem demonstrieren; den Zuhörern ein gutes Gefühl vermitteln, was die Übernahme von NeXT angeht und sich die Unterstützung der unabhängigen Hersteller und Entwickler sichern.
Was ist mit Be? Wenn Sie meinen, daß Jean-Louis Gassee und Be nach der Apple-NeXT-Übernahme eine ruhige Kugel schieben werden, dann sind Sie schief gewickelt: Be plant einen aggressiven Alleingang mit dem Be-Betriebssystem. Be OS DR 8 für den Power Macintosh steht den Entwicklern mit dem Paket "CodeWarrior for Be OS", der Januarausgabe des MacTech-Magazins und mit den ersten Auslieferungen von Power Computing Systemen in diesem Quartal zur Verfügung. Man geht auch davon aus, daß Be einige Macintosh-Applikationen unter einem Mac-OS-Emulator von fredlabs für Be OS auf Maschinen von Power Computing demonstrieren wird.
<http://www.be.com/>
<http://www.powercc.com/>
<http://web.xplain.com/mactech.com/>
Viele Kommentatoren haben ihre Enttäuschung darüber geäußert, daß Apple nicht Be OS durch eine Übernahme zur Grundlage eines künftigen Betriebssystems gemacht hat. Be ist jetzt in einer beneidenswerten Lage und befindet sich möglicherweise sogar in der besseren Position - eine flinke und fortschrittliche Firma mit einem wirklich aufregenden Produkt und mit großem Schwung. Zum Wohle beider Firmen hoffe ich sehr, daß Be und Apple weiter zusammenarbeiten werden.
Ständige Autoren der TidBITS in dieser Ausgabe:
Adam C. Engst [ACE], Tonya Engst [TJE], Jeff Carlson [JLC], Geoff Duncan [GD].
Mitarbeit an der Übertragung dieser Ausgabe:
Walter J. Ferstl [WJF], Hartmut Greiser [HG].
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