TidBITS#366/17-Feb-97 - Deutsch

Das Macintosh-OS ist vielleicht das bedienerfreundlichste Betriebssystem, aber sogar Anfänger spüren, daß sich hinter den Kulissen mehr verbirgt, als es zunächst den Anschein hat. Ein Buch von David Pogue und Joseph Schorr geht den weniger offensichtlichen Eigenheiten der Mac-Maschinerie auf den Grund. Geoff Duncan berichtet über neue Macs von Apple, Matt Neuburg bespricht Canvas 5.0.1 und Jeff Carlson erkundet das Internet mit dem drahtlosen Ricochet-Modem - vom Café aus.

Autorisierte Übertragung der TidBITS#366/17-Feb-97.

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MailBITS/17-Feb-97

QuickTake 200 -- Apple hat die digitale Kamera QuickTake 200 angekündigt, mit der der Anschluß an den Stand der Technik in der digitalen Fotografie wieder hergestellt wird. Die QuickTake 200 verfügt über ein LCD-Display von 1,8 Zoll Diagonale, das als Sucher und zum Betrachten von Aufnahmen dient. Weiters gibt es einen Ausgang auf NTSC-Video und eine Funktion für Videokonferenzen. Die Bilder werden auf RAM-Karten gespeichert, wobei die mitgelieferte Karte von 2 MB etwa 20 Aufnahmen in hoher Auflösung aufnimmt. Die Kamera wird mit Adobe PhotoDeluxe und PageMill geliefert; sie soll Anfang März um etwa 600 US$ zu haben sein. [GD]

<http://product.info.apple.com/pr/press.releases/1997/q2/970217.pr.rel.quicktake200.html>

Apple stellt neue Macs vor

von Geoff Duncan <geoff@tidbits.com>

Auf der Macworld Expo in Tokio hat Apple eine Reihe von neuen Macs vorgestellt, von denen einige schnellere Varianten bestehender Modelle sind, ein anderer auf den Clone-Markt zielt und ein weiterer viele PowerBook-Besitzer vor Neid gr&uuml;n anlaufen lassen wird.

<http://product.info.apple.com/pr/press.releases/1997/q2/970217.pr.rel.products.html>

Power Macs -- Im oberen Preissegment sind der Power Macintosh 9600/233 und der 9600/200MP angesiedelt, die die 9500-Serie mit schnelleren Versionen des 604e-Prozessors nach oben erweitern. Die neuen 9600er haben CD-ROMs mit 12-facher Geschwindigkeit, Platten mit 4 GB, 32 MB RAM, 512 KB Cache (Level 2), sechs PCI-Steckplätze, 10BaseT-Ethernet und Hochleistungs-Videokarten (Twin Turbo 128 M4A von IMS). Der 8600/200 ist eine beschleunigte Variante des 8500 und hat neben den Merkmalen der 9600er die Video-Ein- und Ausgänge wie der 8500er und ein eingebautes Zip-Laufwerk von Iomega. Der 9600/233 wird im Mai für 4.250 US$ zu kaufen sein, der 9600/200MP und der 8600/200 ab März, zu Preisen von 4.750 bzw. 3.250 US$.

Näher dem Teppich bleibt der Power Mac 7300 mit Preisen von 2.300 bis 2.800 US$. Der 7300er ersetzt die Typen 7200 und 7600 als mittlere Modelle; er enthält einen 604e-Prozessor mit wahlweise 180 oder 200 MHz, 16 oder 32 MB RAM, eine Festplatte von 2 GB, 12-fach-CD-ROM, 256 KB Level-2-Cache, drei PCI-Steckplätze und 10BaseT-Ethernet. Einige CPU-Karten mit thermischen Problemen haben die Auslieferung des 7300 verzögert; Apple hat aber den Händlern mitgeteilt, daß Stückzahlen ab Anfang März zur Verfügung stehen.

<http://www.macweek.com/mw_1107/nw_delay.html>

Wenn 9600, 8600 und 7300 Variationen zu einem Thema sind, dann ist der Einsteiger-Power-Mac 4400 eine neue Melodie von Apple. Er ist als direkte Konkurrenz zu den Mac-Clones konzipiert und weist einen 603e-Prozessor mit 200 MHz, 16 MB EDO-RAM, 8-fach-CD-ROM, 2 GB Festplatte, zwei PCI-Slots, 256 KB Cache und, über eine Karte, 10BaseT-Ethernet auf. Der 4400er ist die erste Maschine von Apple, die auf der Tanzania-Platine beruht, die auch von Clone-Anbietern verwendet wird; wie viele Clone-Typen setzt auch der 4400er preisgünstige PC-Hardware ein. Im Gegensatz zu anderen Apple-Geräten liegt dem Power Mac 4400 fast keine Software bei, aber bei einem Preis von rund 1.700 US$ und den Clones vergleichbarer Leistung sollte sich das Modell gut verkaufen.

Die Power Macs 8600 und 9600 haben Gehäuse im neuen Schwenk-Design, in dem interne Baugruppen viel besser zugänglich sind als bisher. Wie der 7300 tragen sie den Prozessor auf einer separaten Steckkarte; die Geräte können also später allein durch Wechsel dieser CPU-Karte beschleunigt werden. Diese drei Typen werden mit System 7.5.5 geliefert, der 4400 mit 7.5.3. Alle sollen aber laut Apple unter 7.6.1 laufen, das im April herauskommt, und sind schon mit Tastatur und Maus ausgestattet.

PowerBook 3400c -- Bei den tragbaren Macs gibt es als Flaggschiff nun das PowerBook 3400c mit Taktraten zwischen 180 und 240 MHz für den 603e, 16 MB RAM, 256 KB Level 2, IDE-Platten zwischen 1,3 und 3 GB, 12-fach-CD-ROM, eingebautem 33,6-Faxmodem, Ethernet (10BaseT) und einem Aktiv-Matrix-Schirm von 12,1 Zoll Diagonale. Ein Laufwerksplatz kann ein Diskettenlaufwerk, ein CD-ROM oder anderes aufnehmen; diese Laufwerke können während des Betriebes getauscht werden ("hot-swappable"). Es gibt Platz für zwei PC-Karten vom Typ II (oder eine vom Typ III), eine Infrarot-Schnittstelle und vier Lautsprecher. Die 180- und 200-MHz-Versionen sind schon zu haben, die 240-MHz-Ausführung kommt im April.

Die Retourkutsche -- Die Clone-Hersteller werden dem freilich nicht tatenlos zusehen, sondern wahrscheinlich ihre Preise senken und ihrerseits neue Modelle auf den Markt bringen. Dazu kommt, daß die nun nicht mehr weitergebauten Modelle 9500, 8500 und 7600 da und dort mit Nachlaß zu haben sein werden.

Macworld Mac Secrets, 4. Auflage

von John Nemerovski <johnemer@tmug.com>

Bei jedem neuen Macintosh-Buch sehe ich zuerst nach, wie schnell ich wichtige Informationen finde, die ich unmittelbar verwenden kann. Die vierte Auflage der Macworld Mac Secrets von David Pogue und Joseph Schorr hat mir folgende Häppchen serviert:

Das Wort "Geheimnisse" ist bei etwa einem Drittel der Informationen in dem Buch angemessen. Die restlichen zwei Drittel umfassen nützliche Hinweise zu allen Aspekten des Macintosh sowie Tips, wie Sie aus Ihrem Mac mehr herausholen können - nicht nur für Ihre Arbeit, sondern auch zu Ihrer Unterhaltung.

Viel Buch für Ihr Geld -- Die Mac Secrets bestehen aus drei Teilen: dem massiven Buch von 1.208 Seiten, einer beeindruckend bestückten CD-ROM mit 550 MB und einer Web-Site, die Updates zum Buch und den beiliegenden Programmen bereithält. Diese 4. Auflage ist ziemlich aktuell (das wird durch einen Bezug auf den Installer zum System 7.6 deutlich und auch durch Hinweise auf eine Verbindung mit der Firma Be, Inc.).

<http://www.idgbooks.com/idgbooksonline/macsecrets/>

Die Autoren beschreiben die 4. Auflage so: "Alles anders, nichts verändert." Format und Machart stimmen mit früheren Ausgaben überein, das Layout ist aber angenehmer zu lesen. Auf der CD sind die gestalteten Icons durch Standard-Icons ersetzt worden, sodaß sich die Ordner schneller öffnen.

Pogue und Schorr präsentieren ihren Stoff in abwechslungsreicher Weise; konventioneller Text wechselt mit Dialogen ab, in Randspalten finden sich kurze Hinweise auf wenig bekannte Fakten und Lösungen für häufige Probleme. Das Buch ist gespickt mit eingeschobenen Tips, Verweisen auf die CD und wertvollen Hinweisen aller Art. Ein solcher Tip, die "Goldene Regel bei der Problemlösung: Eine saubere Installation", beschreibt die Vorteile einer Installation der gesamten System-Software in einem Durchgang statt auf einem vorhandenen System aufzusetzen.

Das Kapitel 4 ist ein hervorragendes kleines Lexikon der Kontrollfelder und Extensions und enthält auch exzellente 30 Seiten zur Lösung auftretender Probleme. Ein umfangreiches Glossar und ein Index helfen den Lesern beim Auffinden von Fachbegriffen, Konzepten und den "secrets" selbst.

Mehr als nur ein Buch -- Buch oder Software-Paket? Pogue und Schorr gehen davon aus, daß "trotz der zahllosen Stunden, die für das Buch notwendig waren, man ebensogut die beiliegende Software für das eigentlich Wesentliche halten könnte." Das ist nicht als Scherz gemeint - insgesamt 110 Shareware-, Freeware- und kommerzielle Programme füllen die CD-ROM und sind im Buch auf 58 Seiten im Detail erklärt.

Darunter finden sich Titel in Vollversion wie CanOpener, Claris Emailer, DiskFit Direct, TechTool, TypeIt4Me, Remember?, Cyberdog, OpenDoc und QuickTime. Die CD ist eine wahre Software-Bibliothek und kann über die Web-Site aktuell gehalten werden. Zu einigen kommerziellen Produkten liegen Coupons bei, mit denen die Vollversionen günstiger bezogen werden können.

Die Programme sind übersichtlich nach Kapitel, Kategorien, Autor und anderen Kriterien angeordnet und mit Aliases zur Complete Software List verbunden. Der komplette Buchtext befindet sich im Acrobat-Format auf der CD und kann durchsucht werden.

Die Macworld Mac Secrets enthalten sehr viel, aber zweifellos gibt es auch noch Mac-Geheimnisse, die nicht in das Manuskript eingeflossen sind. Die beiden Autoren haben für 1997 einen Bewerb der 50 besten undokumentierten Mac-Geheimnisse gestartet mit einem ersten Preis von 500 US$ und 50 kostenlosen Büchern als weiteren Preisen (alle Gewinner werden namentlich genannt).

<http://www.idgbooks.com/idgbooksonline/macsecrets/secretscontest.html>

Die Macworld Mac Secrets sind ein sehr guter Kauf und sind als Erweiterung Ihrer Bibliothek und auch als Geschenk gleichermaßen geeignet. Ich empfehle das Buch wärmstens, insbesondere für fortgeschrittene Mac-User.

Macworld Mac Secrets, 4th Edition, David Pogue and Joseph Schorr,
ISBN 0-7645-4006-8. 44,95 US$.

IDG Books Worldwide, Inc.
<international@www.idgbooks.com> (international)

Ungebunden mit dem Wireless Modem von Ricochet

von Jeff Carlson <jeffc@tidbits.com>

Ich habe eine Vorliebe für das "Café-Computing" - damit meine ich nicht die Cybercafés mit ihrer kaffeefleckigen Hardware, sondern mein Stamm-Kaffeehaus, wo ich gerne mit meinem PowerBook sitze und ein wenig schreibe. Da ich ohnehin fast den ganzen Tag vor dem Bildschirm verbringe, schätze ich es, wenn ich die Umgebung dabei ab und zu wechseln kann.

Daher war ich ziemlich aufgeregt, als ich von dem drahtlosen Ricochet-Modem von Metricom hörte. Frei von Telefonbuchsen und Kabeln den ganzen Tag im Café zubringen, E-Mail schicken und empfangen, das Web erforschen und sogar den Server im Büro via Apple Remote Access anwählen - sollte dies der Zutritt in ein Utopia sein? Nun ja, beinahe wenigstens.

<http://www.ricochet.net/>

Los vom Draht -- Das Ricochet-Modem ist ein kleines, schwarzes, rechteckiges Gerät von 400 Gramm mit einem kurzen Kabel für die seriellen Schnittstelle am Mac. Das mitgelieferte Kabel ist nur 15 cm lang, beim Gebrauch an einer Desktop-Maschine ist das separat lieferbare 3-Meter-Kabel zu empfehlen. Das Ganze wird durch ein Netzteil, zwei Disketten mit Ricochet-Software, MacPPP und Netscape Navigator 2.0 abgerundet; auch ein Handbuch liegt bei.

Für einen monatlichen Betrag von 29,95 US$ bekommt man zeitlich unbeschränkten Zugang ins Internet über die Ricochet-Server von Metricom und einen POP-Account für die E-Mail. Die Miete für das Modem kommt mit 12,50 $ pro Monat noch dazu (es ist für 299 $ zu kaufen, wenn ein Internet-Account abgeschlossen wird und für 599 $, wenn es in einem auf Ricochet basierenden Intranet-Netz ohne Internet-Zugang genutzt werden soll). Ich habe mich für die Miete entschieden, weil ich annehme, daß das Gerät bald etwas handlicher werden wird. Eine weitere angebotene Option ist Telephone Modem Access (TMA) für Dienste, die nur über anzuwählende Telefonnummern erreichbar sind (wie etwa Mailboxen oder andere Internet-Provider).

<http://www.ricochet.net/order/pricing/metro.html>

Der gewichtigste Nachteil am Ricochet-Dienst ist das derzeit abgedeckte Gebiet, das Seattle, das Gebiet von San Francisco und Washington D.C. umfaßt. Diese Zonen werden sicher erweitert, wenn die Nachfrage hoch genug ist.

<http://www.ricochet.net/coverage/index.html>

Diese Erweiterung des Versorgungsgebiets ist keine einfache Sache. Sie erfordert einiges an Infrastruktur und die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden. Wenn Sie in einem der schon versorgten Gebiete leben, werden Ihnen vielleicht schon Gehäuse an den Straßenlaternen aufgefallen sein. Diese Transmitter ("microcell radios") geben die Signale der Ricochet-Modems an andere Transmitter weiter und benutzen dabei in einem Verfahren namens "frequency hopping" die freien Frequenzen zwischen 902 und 928 MHz im Funkspektrum. Die Radio-Packets werden so bis zu einem Zugangspunkt ("Wired Access Point", WAP) geroutet, von wo aus eine T1-Kabelverbindung zum Netz der Ricochet-Server besteht. Die Microcells sind in Abständen von 400 bis 800 Metern voneinander in einem Schachbrettmuster auf Straßenlampen und Strommasten plaziert. Die Montage dieser Transmitter verlangt nach der Genehmigung durch lokale Behörden, die im allgemeinen leicht zu erhalten ist. Für große Teile von San Francisco läßt diese Genehmigung aber noch auf sich warten - diese Gebiete sind derzeit nicht abgedeckt.

Die Benutzung des Ricochet -- Die Installation der Software war erstaunlich einfach. Ich hatte meine TCP/IP-Einstellungen vorher gesichert, aber der Installer von Ricochet installiert eine separate TCP/IP-Konfiguration. Nach einem Neustart konnte ich schon loslegen.

Der Hauptschalter des Modems befindet sich auf der Seite, sodaß vor dem Einschalten die Antenne beiseite geschwenkt werden muß - so vermeidet man zufälliges Einschalten. Der Schalter hat drei Stellungen: Aus, Ein/ohne Ton und Ein/mit Ton. Ein rotes Licht zeigt an, daß das Ricochet nach dem Signal eines Transmitters in der Nähe sucht; wenn diese Diode grün wird, können Sie mit PPP die Verbindung herstellen; die gelbe Farbe symbolisiert dann die erfolgreich aufgebaute Connection.

Ist die Verbindung einmal hergestellt, ist alles sehr ähnlich den leitungsgebundenen Zugängen. Metricom spricht von Bandbreiten zwischen 14,4 und 28,8 Kbps: nicht gerade ultraschnell, aber einer Verbindung über Mobiltelefon weit überlegen. Mir kam die tatsächliche Geschwindigkeit immer näher am unteren Wert vor, je nach meinem Standort. Das Handbuch empfiehlt den Betrieb im Freien oder nahe einem Fenster, jedenfalls aber nicht in der Nähe von Objekten, die Interferenzen erzeugen (wie z.B. Stereolautsprecher).

Der Akku des Ricochet hielt, wie angegeben, zwischen 4 und 6 Stunden durch. Der Strom ging mit nur ein paarmal aus, ehe ich einen Tip auf der Web-Site von Metricom fand: Mit einem Terminalprogramm wie Zterm können Sie das Modem in einen Stromspar-Modus versetzen, indem Sie "ATS327=3" eingeben. Das Intervall, bis das Modem in den Ruhemodus geht, legen Sie mit "ATS326=x" fest, wobei für x die Anzahl der Minuten eingegeben wird.

Mit dem Computer unterwegs -- Nach einigen Stunden mit dem Ricochet hatte ich mich schon völlig an das Konzept des drahtlosen Zugangs zum Internet gewöhnt. Die Vorstellung von Verbindungen über Telefonkabel und -gesellschaften kam mir ziemlich überholt vor. Der drahtlose Zugang ist sicher der optimale; aber mir ist klar, daß noch einige Zeit vergehen wird, ehe wir amüsiert auf die Zeiten zurückblicken können, in denen wir nur leitungsgebundene Internet-Verbindungen hatten. Leute, die unbedingt unterwegs Zugang zum Internet brauchen, können das Ricochet-Modem als wertvolle Bereicherung für den mobilen Benutzer eines Computers vormerken.

Leider begleitet mich das Ricochet inzwischen nicht mehr. Für zu Hause habe ich es billiger gefunden, mir eine zweite Leitung legen zu lassen (die Geschwindigkeit war dort über die drahtlose Verbindung immer sehr langsam und mit monatlich 42,50 Dollar ziemlich teuer bezahlt) und das Ricochet zurückzugeben; im Café bleibt mir aber nichts anderes übrig, als jeden Benutzer eines Ricochet-Modems aus ganzem Herzen zu beneiden.

Die Microsoftisierung von Deneba: Canvas 5.0.1

von Matt Neuburg <matt@tidbits.com>

Zwar bin ich kein Grafiker, aber gelegentlich muß ich doch Diagramme und Bilder zeichnen. Frühe angenehme Erfahrungen mit MacPaint und MacDraw haben für mich das Image des Macintosh insgesamt geprägt. Jahrelang war ich ein Fan von SuperPaint (TidBITS-112), das die Funktionen beider Programme vereinte, aber es ist inzwischen kaum noch zu gebrauchen - es ist sperrig, druckt nicht mehr und der Bildaufbau ist langsam. Das war der Anlaß, zu Canvas 3.5 von Deneba zu wechseln.

Voll im Bild -- Canvas setzte schon bei seinem Erscheinen 1987 einen Kult in Bewegung; es beherrschte sowohl den Draw- als auch den Paint-Modus und ging in beiden Modi über SuperPaint hinaus, das mit der Präzision, den Dokumenten mit mehreren Ebenen und den vielen praktischen Kniffen des Neulings nicht mithalten konnte. Canvas hatte diesen Vorsprung auf Grund einer Komponenten-Struktur, die die Integration neuer Funktionen wie Bindung von Text an einen Pfad oder bessere Bemaßung ermöglichte. Canvas war schnell und stabil und konnte eine Fülle verschiedener Grafikformate bewältigen.

Als Deneba eine so stark erneuerte Version ankündigte, daß die Versionsnummer 5.0 angemessen schien, waren wir Anwender sehr erfreut. Diesmal hatten wir also auf das richtige Pferd gesetzt! Unsere Erwartung wurde allerdings auf eine harte Probe gestellt: Canvas 5.0 wurde Monat für Monat beworben, das Upgrade war auf der Macworld Expo im August 1995 ebenso zu sehen wie auf der Januar-Expo 1996 - aber kein fertiges Produkt weit und breit. Schließlich wurde es zur August-Expo 1996 "ausgeliefert" - das heißt, ab Anfang Oktober 1996 hatten die User frühestens ihre Kopien in Händen.

Ein kollektives Aufheulen der Verzweiflung in den Netzen folgte umgehend. Die Anwender bemängelten Abstürze, unvorhersehbares Verhalten, langsamen Bildschirmaufbau, gigantisch große Dateien, Die Unfähigkeit zu drucken, PICT-Format zu exportieren oder aus Canvas 3.5 zu importieren. Mein erstes Projekt mit 5.0, ein Haus-Diiagramm, war ein Fiasko - die Bemaßung durch Canvas hatte keinen Bezug zu den Dimensionen, rotierter Text wollte sich auf meinem StyleWriter nicht ausdrucken lassen (ich ging zu Canvas 3.5 zurück und es ging klaglos). Der Kundensupport-Server bei Canvas war überfordert, E-Mail-Anfragen erhielten erst nach Tagen automatische Antworten und solche von menschlichen Betreuern erst nach Wochen oder gar nicht. Offenbar war unsere Geduld nicht mit einem funktionsfähigen Produkt belohnt worden.

Im November kam ein Updater auf 5.0.1 heraus, im Januar gab es eine neue Installations-CD. Meine Druckprobleme verschwanden, als ich den Treiber für den Apple Color StyleWriter 1500 installiert hatte (nicht daß ich diesen Hinweis etwa gar Deneba zu verdanken hätte, keineswegs). Der Staub begann sich ein wenig zu legen.

Die Grafik-Funktionen -- Wie verlautbart geht Canvas 5.0.1 weit über den Vorgänger hinaus, indem es die Funktionen mehrerer spezialisierter Programme in sich vereint.

Die trübe Praxis -- Die Summe dieser vielen Funktionen vermittelt dem Anwender unerfreuliche Erfahrungen. An jedem einzelen Punkt benimmt sich Canvas 5.0.1 wie eine Applikation, die von einem anderen Betriebssystem herstammt. Die Hilfedatei erinnert an Microsofts Help, die Dialogboxen sind nicht im Mac-Stil gehalten, eine Statuszeile verschandelt den unteren Teil des Bildschirms, die beachtliche Skriptfähigkeit der Version 3.5 ist völlig verlorengegangen und immer wieder gibt es sinnlose Fehlermeldungen. Die Installation ist ein Alptraum - Dutzende von rätselhaften Dateien werden in den Systemordner gekübelt. Das Handbuch, das gegenüber der 900-Seiten-Schwarte der Version 3.5 schlanker geworden ist, wiederholt sich in einem fort und ist mit doppelten Abbildungen und Anleitungen zu Windows und Mac überladen.

Ein Kreis von Problemen hat mit der Geschwindigkeit (oder eher mit der Langsamkeit) zu tun. Aus meinem Computer ist Canvas 5.0.1 quälend langsam. Gut, ich habe einen LC 475 - das bedeutet aber immerhin einen 68040-Prozessor, wenn auch ohne FPU. Auf dieser Maschine läuft Canvas 3.5 flott und ich habe oft gehört, daß 5.0.1 auch auf Power Macs im Schneckentempo dahinkriecht.

Der Aufbau des Bildschirms erfolgt erstaunlich langsam - er wird aber oft durchgeführt, zu den ungünstigsten Momenten: Nachdem Sie auf eine Palette geschaut haben, nach beinahe jeder Aktivität, die auch nur ein einziges Objekt betrifft, sogar nachdem Sie in einem Floating-Fenster gerollt haben, das die Zeichnung gar nicht verdeckt. Beim Hereinwechseln von einem anderen Programm wird der Bildschirm manchmal gleich mehrmals teilweise neu aufgebaut, und zwar unerträglich langsam. Der Inhalt von Fenstern verschwindet hin und wieder oder wird falsch erneuert, sodaß Sie händisch den Neuaufbau veranlassen und abermals warten müssen.

Diverse Operationen schicken meinen Computer scheinbar in ein Koma - kein Statusbalken, kein Uhren-Cursor, die Uhr in meinem Menübalken steht, keine Reaktion auf Mausklicks, kein Wechsel in ein anderes Programm ist möglich - nichts geht mehr. Ich habe schon oft in dieser Situation an einen Absturz geglaubt und mein Gerät neu gestartet, dabei war das Programm wohl nur in einer langwierigen Berechnung befangen. Dies sollte irgendwie zu erkennen sein!

Schlechte Arbeit mit dem Pinsel -- Grundlegende Tools sind kaum verbessert worden; sie sind unbequem und sperrig zu benutzen, sowohl physisch wie gedanklich.

So sind etwa die Auswahl-Werkzeuge schlecht; es kann sehr schwierig werden, spezifische Vektor-Objekte zu erwischen, die gewünscht sind - alles, was zur Verfügung steht, ist die Auswahl per Klick oder mittels Rechteck.

Mit den Bezier-Werkzeugen ist es nicht leicht zu erkennen, was beim Ziehen oder Auswählen passiert (auch nicht, wenn Sie die Augen ganz dicht am Monitor haben). Auch das Anlegen eines neuen Pfades wird unnötig erschwert: Nachdem der erste Punkt mit Tangente erzeugt ist, verschwindet diese Tangente und läßt Sie mit dem Punkt im Regen stehen, bei dem Sie nicht erkennen können, was nach Definition des zweiten Punktes mit Tangente geschehen wird. Es hat bei den Bezier-Tools zwar einige Verbesserungen gegeben - ein Pop-Up-Menü etwa -, aber sie können die verbleibenden Mängel nicht wettmachen.

Wenn Sie ein Malwerkzeug verwenden, sehen Sie auch nicht, was Sie eigentlich tun, weil der Cursor immer als derselbe winzige Punkt dargestellt wird, egal, welche Form und Breite des Pinsels Sie gerade eingestellt haben. Es kommt Ihnen vor, als wollten Sie mit einem unsichtbaren Pinsel malen. All das sind wesentliche Rückschritte gegenüber der Version 3.5.

Es ist schwierig herauszufinden, welches die aktuellen Einstellungen zu einem bestimmten Objekt sind. Wenn Sie zum Beispiel ein Objekt ausgewählt haben und auf das Linien-Tool klicken, erfahren Sie nichts über die Linienstärke des Objekts; ebensowenig sagt Ihnen Canvas über die verwendeten Farben. Die Unterscheidung zwischen den Werten eines Objekts und den Default-Einstellungen ist ebenfalls nicht zu durchschauen.

Unter dem Strich -- Canvas 5.0 war voll von Bugs und Fehlern. Ein Blick auf Denebas Liste der Änderungen in 5.0.1 zeigt deutlich, wieviele das waren.

<http://www.deneba.com/dazroot/softlibs/canvas5/resolved.html>
<http://www.deneba.com/dazroot/softlibs/canvas5/changes.html>

Canvas 5.0.1 läuft viel stabiler, aber immer noch auf eine langsame und wenig hilfreiche Weise. Die Langsamkeit des Bildschirmaufbaus ist unverzeihlich; ich habe genug RAM frei, daß das Programm den ganzen Bildschirm als Bitmap-Muster im Cache halten könnte und ich kann immer noch nicht begreifen, warum alle 50 Objekte am Schirm neu aufgebaut werden müssen, nur weil ich die Farbe eines einzigen geändert habe. Sowohl der Neuaufbau des Bildschirms als auch die Oberfläche mit elementaren Funktionen der Vektor- und der Malwerkzeuge bedürfen unbedingt einer Überarbeitung von Grund auf, wenn diese Version von Canvas irgendeinen Nutzen haben soll.

Deneba hat übrigens die Version 3.5 noch nicht von der Liste der lieferbaren Produkte genommen - eine weise Entscheidung.

<http://www.deneba.com/dazroot/prodinfo/canvas5/cv5main.html>



Ständige Autoren der TidBITS in dieser Ausgabe:
Jeff Carlson [JLC], Geoff Duncan [GD], Matt Neuburg [MN].

Übertragung dieser Ausgabe:
Walter J. Ferstl [WJF].

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