Die Macintosh-Gemeinde hat im März einen "Schwarzen Freitag" erlebt - Apple hat Entlassungen und eine weitere Änderung der Organisationsstruktur angekündigt. Adam beleuchtet diesmal, was Apple beibehält, einstellt oder in Wartestellung versetzt. Es gibt Neuigkeiten zu Sicherheitsproblemen bei Java und bei Shockwave, zu einem Update der QuicKeys für Power Macs und eine Besprechung von Digital Chisel, einem einfach zu bedienenden Multimedia- und Web-Gestaltungsprogramm, das sich speziell an Kinder richtet.
Autorisierte Übertragung der TidBITS#370/17-Mar-97.
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Sicherheit bei Java und Shockwave -- Die Massenmedien waren voll von Meldungen über Sicherheitsprobleme der Windows-Version des Microsoft Internet Explorer. Ein anderes solches Problem gibt es bei Java von Sun, und das hat wenig Beachtung gefunden. Theoretisch kann ein Java-Applet die Sicherheitsvorkehrungen außer Funktion setzen und sich selbst vollen Zugang zur lokalen Maschine einräumen. Es ist wichtig zu betonen, das das Sicherheitslocho im Fall Java sehr schwierig auszunützen ist, aber in der Theorie jede Maschine betrifft, auf der Java-Komponenten geladen sind. Microsoft hat ein 500 K großes Update zu den Java-Implementationen des Internet Explorer bereitgestellt, Netscape 3.0 benutzt Suns Java hingegen nicht und ist nicht berührt.
<http://www.microsoft.com/ie/security/java.htm>
<http://www.javasoft.com/sfaq/index.html>
Ein weiteres Sicherheitsmanko, das viel leichter zu mißbrauchen ist, bezieht sich auf das Plug-In für Shockwave Director von Macromedia im Zusammenhang mit Web-Clients, besonders Netscape Navigator. Es ist prinzipiell möglich, ein Shockwave-Movie zu erstellen, das heimlich E-Mail- oder andere Dateien auf der Maschine eines Users liest; das gilt auch für Files auf einem Internet-Server - selbst solche hinter einem Firewall. Die Einfachheit dieser Umgehung wirft ein Licht auf Schlupflöcher in einer Reihe anderer Produkte. Eine Vorversion von Streaming Shockwave 6 hat das Problem nicht, aber sonst können Sie nur dann ganz sicher sein, wenn Sie Shockwave entfernen. [GD]
<http://www.webcomics.com/shockwave/>
<http://www.macromedia.com/shockwave/download/plugin.cgi>
Quickere QuicKeys -- CE Software hat (schließlich doch) eine PowerPC-native Version der QuicKeys herausgebracht. Die Software dient zum Definieren von Tastaturkürzeln und Automatisieren von Aufgaben (siehe TidBITS-347). Das Update wird mit vorgefertigten Werkzeugleisten für weit verbreitete Applikationen wie Photoshop, PageMaker und Netscape Navigator, sowie einem Finder-Toolbar geliefert. Benutzer von QuicKeys 3.5 können eine Update-Datei von 1,8 MB herunterladen. [JLC]
<http://www.cesoft.com/quickeys/qkppc.html>
Fetch 3.0.3 -- In der letzten Ausgabe haben wir Version 3.0.2 von Fetch angekündigt, die einen abgebrochenen Download-Vorgang wieder aufnehmen kann und Open Transport besser unterstützt. Inzwischen ist schon Fetch 3.0.3 aufgetaucht, das auf den Befehl View File nun nicht mehr das erste Zeichen der Datei unterdrückt, was in 3.0.2 noch der Fall war. [JLC]
<http://www.dartmouth.edu/pages/softdev/fetch.html>
von Adam C. Engst <ace@tidbits.com>
Inzwischen haben schon alle von der strengen Diät gehört, die Apple sich zum Zweck der Kostensenkung selbst verordnet hat. Noch 1997 soll die Zone der schwarzen Zahlen wieder erreicht werden. Lassen Sie uns einen blick darauf werfen, was gekappt wurde, was noch in der Intensivstation liegt und was davongekommen ist. Die folgenden Presseverlautbarungen stellen das offizielle Material dazu dar.
<http://product.info.apple.com/pr/press.releases/1997/q2/970314.pr.rel.restructure.html>
<http://product.info.apple.com/pr/press.releases/1997/q2/970314.pr.rel.faq.html>
2.700 Mitarbeiter -- Apple hat Pläne verkündet, 2.700 Vollzeit-Mitarbeiter (von insgesamt 11.000) zu entlassen. Dazu kommen noch 1.400 Teilzeit-Mitarbeiter und Vertragsnehmer (von insgesamt 2.400). Viele dieser Mitarbeiter waren mit Technologien befaßt, die nicht mehr weiterverfolgt werden. Die Advanced Technology Group (ATG) ist hart betroffen. Etwa 55 Prozent der Entlassungen beziehen sich auf Arbeitsplätze in den U.S.A., der Rest auf internationale Gruppen. Interessant: Apple ließ bei einer Pressekonferenz verlauten, daß Apple Japan von den Entlassungen gar nicht betroffen ist.
An Entlassungen findet sich nie etwas Gutes, abgesehen von den kalten Zahlen in der Bilanz. Ich nehme aber an, daß diese Mitarbeiter es nicht allzu schwer haben werden, neue Jobs zu finden. Man hört, daß die Macintosh-Entwicklungsgruppe von Microsoft in der Bay Area (von dort kommt der Internet Explorer für den Mac) wie wild Leute anheuert.
ATG -- Stichwort ATG: Ein guter Teil der Grundlagenforschung von Apple ist eliminiert worden, was in einigen Jahren sehr unangenehm werden könnte. Leitende Personen bei Apple sagten, daß in Zukunft 90 Prozent der Forschung und Entwicklung (R&D für "Research and Development") auf Bildung, Publishing und Benutzeroberfläche gerichtet sein werden. Das ATG-Budget soll 5 Prozent des Umsatzes ausmachen (in Vorjahr 6 Prozent). Das klingt ja nicht so schlecht, aber bedenken Sie die Umsatzrückgänge in den letzten Monaten - die Kürzungen machen daher real etwa ein Drittel des ATG-Budgets aus. Apple verantwortliche betonten, daß Firmen wie Compaq und andere große Computeranbieter in der Regel 1 bis 2 Prozent des Umsatzes für R&D aufwenden.
Performa -- Meiner Meinung nach die beste Streichung war die der Modellbezeichnung Performa (schon produzierte Performas werden noch einige Zeit in den Vertriebskanälen bleiben, bis sie abverkauft sind und dann durch Power Macs ersetzt werden). Ich konnte dieser Namensgebung nie etwas abgewinnen; als sie auftauchte, habe ich in TidBITS-142 kommentiert: "Der Name ist gleich nach dem Erscheinen der Prolinea-Serie von Compaq eingeführt worden; er beeindruckt mich in keiner Weise, ich mache mir sogar Gedanken über ein Recycling alter Technologie unter einem neuen Etikett... Die Performa-Serie ist offenbar nur ein Marketing-Schachzug." Ich nahm damals an, daß die Bezeichnung die User nur verwirren werde, weil der Bezug zum Macintosh nicht völlig klar hergestellt wird. Das rasche Erscheinen von Modellnummern machte es selbst berufsmäßigen Beobachtern der Apple-Produktpalette schwer, Schritt zu halten. Nun hat Apple eingestanden, daß es keine gute Idee war, Konsumenten, die einen Mac wollten, auf diese Weise zu verunsichern.
Videoconferencing -- Auch die Videoconferencing-Produkte und -Technologien werden eingestellt; dies soll den Lösungen von Drittanbietern zugute kommen. Das scheint mir sinnvoll zu sein - Videoconferencing war bisher keine "Killer Application", die die Käufer in Scharen angelockt hätte; die erforderliche Bandbreite ist zu groß und andere Firmen haben mehr Erfahrung und stärkere Interessen in diesem Gebiet. Apple kann nicht alles machen und Videoconferencing muß völlig plattformübergreifend sein, um kommerziellen Erfolg zu haben. Soll das ruhig jemand anderer machen.
AIX und die Network Server -- Die von Apple vor nicht allzu langer Zeit eingeführten Network Server in der obersten Leistungsklasse laufen unter AIX, einer Unix-Version von IBM. Die Geräte haben positive Aufnahme bei leistungshungrigen Publishing-Leuten gefunden, dennoch hat Apple entschieden, daß in Hinkunft auf den Servern entweder das Mac OS oder Rhapsody (der Codename für die erste Version des Mac-Systems, das auf NeXT basiert) laufen soll. Apple wird existierende Kunden weiter betreuen und es ist anzunehmen, daß diese Maschinen weiter gut laufen werden. Apple kann nicht zu viele Betreibssysteme nebeneinander unterstützen.
Zwei System-Updates pro Jahr -- Vor einer Weile hat Apple zwei System-Updates pro Jahr zu liefern versprochen, nicht gerechnet die Zwischenreleases alle drei Monate. Das war eine kühne Meldung - wer auch immer sie losgelassen hat, hat hoffentlich am Geschmack der Worte Freude gehabt. Nach dem Erscheinen von Tempo (jetzt System 8 genannt) im Juli werden die Updates zweimal im Jahr ein Ding der Vergangenheit sein. Apple-Sprecher haben zugegeben, daß die Programmierer die Software einfach nicht so schnell fertigstellen können. Der Zeitplan sieht nun vor, daß die "Premier"-Version von Rhapsody Ende 1997 erscheinen wird und Apple spricht von einer jährlichen großen Überarbeitung des Systems und kleineren Releases alle sechs Monate. Ich bin da generell skeptisch; Zeitpläne in der Computer-Industrie sind immer mit Vorsicht zu genießen und Apple (oder sonst irgendwer) kann sich kaum konsequent daran halten.
Die Warteschleife -- Die oben erwähnten Dinge sind inzwischen Geschichte. Eine Anzahl von anderen Technologien sind in den Status "Maintenance Modus" versetzt worden [ich will diesen Terminus hier mit "Wartestellung" oder ähnlich übersetzen. --WJF]. Es ist nicht ganz klar, was das zu bedeuten hat; ich nehme an, daß Bugs und andere Fehler behoben werden und Updates zur Unterstützung neuer Hardware erscheinen werden - aber nicht viel mehr. Apple sagt dazu in einer Presseaussendung: "Die meisten Elemente des Mac-Systems befinden sich schon bisher in diesem Status - und doch werden sie von den Benutzern und Entwicklern täglich verwendet. Apple verbessert die Verläßlichkeit und Leistung des Systems insgesamt auch in Zukunft einschließlich der Technologien, die seit Jahren keine expliziten Updates erfahren haben. Darüber hinaus haben diese Technologien ihren Platz in Rhapsody als Teil des Mac-OS-Ebene (der 'Blue Box'); dort werden die heute vorhandenen Applikation auf Jahre hinaus laufen, auf einer schnelleren, stabileren Grundlage." Das ist zu berücksichtigen, wenn ich über die folgenden Technologien spreche.
Open Transport -- Zu allererst: Open Transport in den Maintenance Mode zu versetzen und auf eine von der Unix-Seite (Berkeley Standard Distribution, BSD) herkommende Netzwerk-Architektur zu wechseln halte ich für idiotisch. Apple hat viel Mühe augewendet, um von AppleTalk und dem alternden MacTCP zu Open Transport zu gelangen; dieses hat sich schon in der zweiten Version (die erste war noch unausgereift und wurde zu früh mit dem Power Mac 9500 ausgeliefert) als solides, flexibles Stück Software bewährt, das die diversen Bedürfnisse der Mac-User gut abdeckt.
Fragen Im Zusammenhang damit erheben sich vor allem für Rhapsody. Wie will Apple beispielsweise AppleTalk in einer auf BSD basierenden Netzwerk-Umgebung unterstützen? Wie soll "Plug and Play" in der Vernetzung weiterhin funktionieren? Was ist mit der Sicherheit (für Unix-BSD-basierende Systeme hat es kaum jemals einen Sicherheits-Wettbewerb mit 10.000 US$ Preisgeld gegeben)? Was ist mit Features, die mit dem jetzt eingestellten Open Transport 1.5 schon demonstriert worden sind, wie IPv6 und Multi-Homing? Ich werde zu dem Thema demnächst mehr schreiben, denn wenn die Benutzeroberfläche das Herz des Mac ist, dann ist die Netzwerkfähigkeit seine Seele.
OpenDoc -- Bei Apple scheint man der Meinung zu sein, daß OpenDoc und Java in der Welt der Komponenten-Software ähnliche Rollen spielen. Ich verstehe zwar nicht genug vom Technischen, um das beurteilen zu können (gibt es irgendwelche Programmierer, die dazu einen Beitrag schreiben wollen?), aber offenbar steht dahinter die Idee, daß Java von vielen Entwicklern für eine Art "eierlegende Wollmilchsau" im Bereich der Komponenten-Software gehalten wird und OpenStep auch schon ein gutes Konzept für die Entwicklung von Komponenten-Software aufweist. OpenDoc wird in der 'Blue Box' weiterhin unterstützt; ich kann aber für unabhängige Entwickler keinen Anreiz erkennen, weiter für OpenDoc zu schreiben. OpenDoc war gerade dabei, sich freizuschwimmen (wie ich in TidBITS-365 beschrieben habe). Apple selbst hat viel Entwicklungsaufwand im eigenen Haus und Überzeugungsarbeit bei den Entwicklern geleistet. An der Stelle eines solchen Entwicklers wäre ich jetzt sehr enttäuscht.
Cyberdog -- Weil wir gerade von Enttäuschung reden: Ich stelle mir Joe Kissell und David McKee vor, die Autoren eines ausgezeichneten Buches über Cyberdog; sie müssen nun auch ziemlich desillusioniert sein. Cyberdog war die Schlüsselapplikation für OpenDoc (wenn der Ausdruck für eine dokumentenorientierte Technologie paßt); Apple hat Cyberdog so wie OpenDoc in die Wartestellung versetzt. Cyberdog 2.0, derzeit im Betastadium, wird mit OpenDoc im Juli mit System 8 mitgeliefert werden und daher weiter verfügbar sein, wenn auch die Empfehlung für die beiden Produkte schwer fällt angesichts konkurrierender Technologien, die eine klarere Zukunft haben. Ich nehme auch an, daß die Version von Netscape Navigator, die speziell für Cyberdog angekündigt war, zu vergessen sein wird.
Game Sprockets -- Game Sprockets, ein Satz von Werkzeugen und Softwareroutinen zum vereinfachten Programmieren von Spielen auf dem Mac, wird ebenfalls in der heute vorliegenden Form innerhalb der 'Blue Box' weiterexistieren. Das wird bedeuten, daß Spiele, die mit den Game Sprockets geschrieben sind, nur in der Blue Box laufen, ähnlich wie es heute Spiele gibt, die nur unter DOS (aber nicht unter Windows) laufen. Ich kann die Vorteile der Game Sprockets nicht beurteilen, aber der Spielemarkt ist sicher für jeden Computer, der für die Endverbraucher interessant sein soll, wesentlich. Apple sollte dafür sorgen, daß Entwickler von Spielen weiterhin für den Mac arbeiten.
Entwicklungsumgebungen für Mac-OS -- Apple hat in all den Jahren zahlreiche Programmierwerkzeuge für den Mac entwickelt, die zwar erhalten bleiben sollen, aber neben den neuen Entwicklungstools für Rhapsody in den Hintergrund treten werden. Ein großer Teil des Codes der heutigen Mac-Programme ist mit Apple-Software wie MPW und MacApp geschrieben; die Entwickler sind sich aber schon länger bewußt, daß für Rhapsody andere Werkzeuge verwendet werden müssen. Diese sind auch schon von unabhängigen Anbietern wie Metrowerks und Symantec zu haben.
Die Umsätze - immer noch hoch -- All die düsteren Meldungen und Meinungen sollen Sie nicht zu der Ansicht veranlassen, Apple sei auf dem Weg zur Non-Profit-Organisation. Apple macht immer noch viel Geld (geschätzte 8 Milliarden US$ für 1997); Amelio und seinesgleichen haben nur einigen Produkten und Technologien den Vorzug gegeben - weil sie mehr Geld in die Kasse bringen.
Newton -- Ein kollektives Aufatmen dürfte durch die Reihen der Newton-Besitzer und -Entwickler gegangen sein, nachdem Apple angekündigt hatte, die Newton-Abteilung unangetastet zu lassen. Newton MessagePad 2000 und eMate 300 werden beide schon ausgeliefert und haben beste Aufnahme gefunden, sie werden also überleben... eine Weile zumindest. Apple Presseaussendung sagt dazu: "Apple erwägt eine Reihe von Optionen für das Newton-Geschäft der Zukunft. Zu den derzeitigen Diskussionen um die Newton-Technologie geben wir keine spezifischen Kommentare ab." Das könnte in meiner Sicht eins von drei Dingen bedeuten (und mir ist es egal, welche Möglichkeit zutrifft, solange die Newton-Plattform weiterbesteht):
Claris -- Claris war, glaube ich, nie wirklich in Gefahr - die hundertprozentige Tochterfirma von Apple verdient laufend gutes Geld für Apple. Für das erste Quartal 1997 hat Claris Rekordumsätze von 67 Millionen US$ bekanntgegeben, die Umsätze für 1996 lagen bei 236,2 Millionen. Die Nachfrage nach den Claris-Produkten sowohl für Mac als auch für Windows bleibt stark - FileMaker Pro 3.0 for Windows ist nach Verkaufszahlen die zweitbeste Datenbank für den PC-Desktop-Markt, die Mac-Version ist schon lange der Bestseller unter den Mac-Datenbanken.
Lizenzen für das Mac-OS -- Die Gerüchte, Apple wolle die Umsätze durch gesteigerte Lizenzgebühren für das Recht, Mac-kompatible Computer herzustellen, erhöhen, waren in letzter Zeit sehr dicht. An dieser Situation hat sich nichts geändert, wie auf der erwähnten Pressekonferenz betont wurde. Die Gebühren werden sich an einem bestimmten Punkt ohnehin ändern; das liegt aber daran, daß derzeit Lizenznehmer für das Mac-Betriebssystem auch Hardware-Entwürfe von Apple unter Lizenz verwenden, so etwa die "Tanzania"-Hauptplatine. Wenn einmal die Referenz CHRP (Common Hardware Reference Platform) die Grundlage produzierter Maschinen ist, sind keine Lizenzen mehr für die Platine fällig und Apple hat keinen Zweifel daran gelassen, daß dann die Lizenzgebühren für die Software angepaßt werden sollen.
Loyale Kunden? Apples leitende Angestellte haben mehrmals darauf verwiesen, daß der wichtigste Aktivposten der Firma die Loyalität der Kunden sei. Das war in der Vergangenheit sicher richtig und ist es vielleicht immer noch - jetzt, wo Apple so viel Geld verloren, so viele Angestellte entlassen und so viele Technologien eingestampft hat. Aus Gesprächen mit zahlreichen Benutzern und Entwicklern habe ich den Eindruck gewonnen, daß die Treue zum Macintosh (und allem, was er bedeutet) ungebrochen ist, daß aber die Loyalität zur Firma Apple einen historischen Tiefstand erreicht hat. Das ist ein großer Unterschied; ich bin mir aber nicht sicher, daß das Apple-Management diesen auch wahrnimmt. Ein Stimme aus der Chefetage sagte, Apple werde loyale Kunden dadurch belohnen, daß weiterhin großartige Produkte gefertigt würden. Ich bezweifle, ob das für die nahe Zukunft wahrscheinlich ist und, wichtiger noch, ob es hinreichend ist, die Jahre der Loyalität abzugelten, die viele Kunden trotz laufender Enttäuschungen und Hindernissen bewiesen haben.
von Tonya Engst <tonya@tidbits.com>
Digital Chisel HTML 2.1.3 kommt von Pierian Spring Software und wird gern von Lehrern und Schülern verwendet, um Multimedia-Präsentationen, Lehrgänge und Tests zu erstellen. Das "HTML" im Produktnamen ist erst vor kurzer Zeit dazugekommen und dieser HTML-Aspekt hat mich dazu gebracht, die neue Version zu besprechen. Ich dachte, es könnte aufschlußreich sein, einen völlig anderen Ansatz zum Erstellen von Web-Sites als den der seitenorientierten Software (in der Art von PageMill) oder der auf Tags basierenden Produkte (wie BBEdit) zu versuchen.
Digital Chisel ist ein Produkt, das nicht nur elegant zu handhaben ist, sondern auch Spaß macht, seine Präsentationen können unter frei verfügbaren Digital Chisel Player laufen oder in Web-Sites umgewandelt werden. Die Projekte von Digital Chisel haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Stacks von HyperCard - Fenster ("screens") sind über Tasten miteinander verbunden. Die Entwickler von Projekten brauchen sich um Code überhaupt keine Gedanken machen; der Digital Chisel Player kümmert sich auch um Aufgaben im Hintergrund, wie etwa das Mitschreiben von Testergebnissen.
Kinder und Lehrer erstellen Chisel-Projekte jeder Art: der Lebenszyklus des Lachses, fiktive Werbespots für Flüge zum Mars, digitale Portfolios. Schüler können Ratespiele für andere Schüler machen. Lehrer können ernsthafte Tests vorbereiten.
Objekte des Begehrens -- In Digital Chisel arbeiten Sie zu einem gegebenen Zeitpunkt in jeweils nur einem Fenster, obwohl es leicht ist, das Fenster zu wechseln. Ein solches Fenster enthält Text, Grafiken, Animationen und Sounds - im Sinne von Chisel sind das alles "Objekte". Solche Objekte können sie ziehen, wohin Sie wollen; es können sogar andere Objekte überdeckt werden. Jedes Objekt kann animiert werden, entweder entlang eines Pfades oder als einfaches "Daumenkino"-Movie. Objekte können innerhalb von Digital Chisel erstellt, von einer Disk importiert oder aus Chisel-Bibliotheken herauskopiert werden, die sich schnell nach Gruppen von Objekten durchsehen lassen.
Digital Chisel wird mit etwa 25 Sounds geliefert, darunter "Aooga" [soviel ich weiß, die Hupe eines Ford-T-Modells. --WJF] oder das Brüllen eines Dinosauriers. Auch fertige QuickTime Movies liegen bei, einige Clip-Art-Bilder und an die 70 hübsche und brauchbare Button-Motive.
Meinen ersten Chisel-Screen habe ich mit einem Text-Objekt begonnen, in das ich dann hineingetippt habe. Text kann auf die übliche Weise formatiert werden - Stile, Fonts, Größen und Farben. In anderen Programmen für Kinder habe ich auch spezielle Formate gesehen (wie Blasen- oder Funkenstil für Text), aber Chisel hat so etwas nicht. Text kann auch mit Links versehen werden, die dann Pop-Up-Felder zeigen. Mit solchen "hot links" könnten etwa neue Vokabeln definiert werden.
Nach der Definition des Texts ging ich zur Grafik über. Grafiken können entweder als vektorbasierte Objekte vorliegen (die aus geometrischen Grundformen bestehen und nachträglich skaliert oder neu gefärbt werden können) oder als gemalte Bitmap-Bilder (Ansammlungen von Pixels innerhalb eines benutzerdefinierten Paint-Objekts). Besonders reizvoll fand ich das Einfügen vorhandener Objekte (Pfeile oder Sterne). Die Farb-Palette gefiel mir weniger - sie besteht aus einem Quadrat mit 16 mal 16 Farben, aber ohne ein "Augentropfer"-Werkzeug war ich auf meine Erinnerung angewiesen, wenn ich eine bestimmte Farbe später noch einmal verwenden wollte.
Text und Grafik, gut. Dabei wollte ich es natürlich nicht belassen und ich fügte Sounds hinzu. Digital Chisel kann Sounds importieren, ich zog es vor, meine eigenen aufzunehmen (mehrere Lehrerinnen haben mir gesagt, daß Kinder gerade dies besonders lieben: ihre eigene Stimmen wiederzugeben). Ich verknüpfte einige Sounds mit Buttons, andere richtete ich zum automatischen Abspielen beim Öffnen eines Fensters ein. Auf ähnliche Weise lassen sich auch QuickTime-Movies einfügen; die einzelnen Frames solcher Movies lassen sich allerdings nicht mehr editieren, auch können Sounds nicht in Movies eingebunden werden.
Bewegte Ziele -- Wenn Sie einige Objekte erstellt haben, können Sie es genug sein lassen oder erst so richtig auf den Geschmack kommen. Ein Doppelklick auf ein Objekt ruft eine Palette auf, die Sie bestimmen läßt, was passieren soll, wenn der Mauscursor sich über das Objekt bewegt, wenn auf dem Objekt geklickt wird und so weiter. Objekte können ihre Farbe wechseln, sich entlang eines Pfades bewegen, Sounds abrufen, Worte aussprechen, einen Abschnitt einer CD oder Video-Disk wiedergeben und anderes mehr. Es kann entweder nur eine Aktion ausgelöst werden oder bis zu 24 verschiedene. In meinem Projekt zum Beispiel (das davon handelte, wie Adam und sein Vater einen abgestorbenen Baum in unserem Hinterhof umschneiden wollten [eine technisch schwierige und heldenhafte Prozedur, die unter Verwendung von Kettensägen vollbracht wurde und nur zwei Stützen unseres Veranda-Geländers ruinierte statt die gesamte Veranda; immerhin war der Stamm satte 30 Meter hoch. -Adam] habe ich eine Figur zu dem Baum gehen und "Oh nein!" sagen lassen. Letzten Endes kann jedes Objekt als Button fungieren.
Buttons können auch Links zu anderen Fenstern sein; auch eine Steuerungsleiste kann einfach erstellt werden (eine solche ist in einfacher Form auch schon vorhanden). Wenn das Projekt in HTML umgewandelt werden soll, können Buttons auch an URLs gebunden werden.
Szenenwechsel -- Nicht nur die Aktionen, die die Maus bei einem Objekt auslösen kann, sind definierbar; beim Öffnen eines neuen Fensters können auch allerlei Dinge passieren. Jeder Screen kann mit einem Übergangseffekt aufgehen, wie etwa einem Zoom oder der Simulation einer Jalousie. Auch Sounds und Movies können beim Öffnen eines Fensters gespielt werden.
Ratespiele -- Jeder Screen kann auch Teil eines Online-Quiz sein; einige Vorlagen dazu werden schon mitgeliefert, die den Gestaltungsprozeß beschleunigen. Wenn ein Test vorgegebene Antworten hat (wie bei Multiple Choice oder richtig/falsch), kann dem Fenster mitgeteilt werden, welche Antwort richtig ist, und dieses meldet dann den Kandidaten, ob sie die richtige Antworten gegeben haben. Die Teilnehmerinnen an dem Quiz können ihre Namen eingeben und jedes Chisel-Projekt kann die Ergebnisse in einer einfachen Datenbank speichern.
Der Schritt ins Web -- Digital Chisel hat den großen Schritt zu HTML-Exportfähigkeiten getan. Der Export bezieht sich entweder auf ein Projekt als Ganzes oder nur auf bestimmte Seiten. Dabei entsteht aus jedem Screen eine Web-Page, die Steuerleiste wird in funktionierende Buttons umgewandelt. Um Objekte an der richtigen Stelle zu plazieren, benutzt Digital Chisel Tabellen und legt die Zellenbreite dabei in Pixel-Schritten fest. Die Ähnlichkeit des Fonts mit dem Text im ursprünglichen Chisel-Projekt wird mit dem <FONT>-Tag hergestellt, wobei Schriftgröße und Farbe erhalten bleiben. Seiten mit Tests werden nicht in HTML übersetzt.
Ich halte im allgemeinen nichts von Pixel-definierten Layouts (siehe TidBITS-362), aber zu meiner Überraschung nahm ich Chisel die Verwendung einer Pixel-spezifischen Methode nicht krumm. Mit Chisel wird in ja erster Linie für eine bestimmte Fenstergröße gestaltet; die Einheiten bei Chisel heißen "Screens", nicht "Pages", und sie werden im Querformat dargestellt, wie es dem Seitenverhältnis der meisten Bildschirme entspricht. Das bedeutet, daß Digital Chisel sich dem Web aus einer völlig anderen Richtung annähert als die Schock-Blink-Frame-Bande; es ist auch zu begrüßen, daß Chisel-Präsentationen im Web plaziert werden können statt nur im Verborgenen des Chisel-Players zu existieren.
Mit dem HTML-Export war ich nicht ganz zufrieden. Objekte waren manchnmal schlecht ausgerichtet und die Arbeit mit den Table-Tags in den HTML-Dokumenten war frustrierend. Text-Links sollten auch eine neue Page aufrufen können statt nur auf Passagen auf derselben Seite zu verweisen. Als erwachsene Person mit HTML-Kenntnissen hätte ich mir mehr Kontrolle über die Verwendung des <FONT>-Tags gewünscht. In dieser vorliegenden Version von Digital Chisel scheint mir aber der ganze HTML-Bereich eher ein praktischer Zusatz, nicht so sehr die Existenzberechtigung des Programms zu sein. Anders als viele unterdurchschnittliche HTML-Editoren, deren Hersteller das Fehlen von wichtigen Funktionen eingestehen, aber die Eignung für Kinder und Anfänger betonen, ist dieses Produkt für Kinder konzipiert. Was wirklich in ein HTML-Produkt für Kinder hineingehört, bleibt abzuwarten (ich nehme an, daß Pierian Spring daran hart arbeitet); die kommende Version 3.0 soll wieder einige Web-Features mehr haben.
Das Fazit -- Ich kann nicht aus erster Hand beurteilen, was ein zwölfjähriges Kind in dem Programm vermissen könnte; mir haben Style-Vorlagen für Text und ein Raster zum Ausrichten von Screen-Elementen gefehlt. Man kann allerdings einen temporären Raster im Hintergrund einrichten - jeder Screen kann einen Background haben, und solche Backgrounds können mehreren Dokumenten gemeinsam sein - wie die Master Pages bei PageMaker. Ich habe viel mit Programmen wie Claris Home Page und Symantec Visual Page gearbeitet, daher habe ich die Möglichkeit vermißt, nach Belieben Objekte per drag & drop aus dem Finder zu importieren. Es gibt auch keinen Weg, sich einen Überblick über ein Projekt zu verschaffen. Eine Palette listet die Fenster eines Projekts auf und diese können mit drag & drop neu geordnet werden, aber eine Gesamtansicht des Projekts mit der Möglichkeit, Objekte in das Projekt in dieser "Thumbnail"-["Daumennagel"]-Ansicht per drag & drop einzufügen, wäre wünschenswert.
Abgesehen von diesen Kritikpunkten stellt Chisel sich mir als ein sehr bemerkenswertes Programm dar. Viele Lehrer, mit denen ich gesprochen habe, sind auch dieser Ansicht; sie nannten es "schülerfreundlich" und meinten, man könne damit so weit gelangen, wie die eigene Phantasie reiche. Die Benutzeroberfläche ist leicht zu erlernen und sehr schön anzusehen; ich kann das Produkt allen unter 16 empfehlen, die eindrucksvolle Präsentationen gestalten wollen. Die Anordnung der Menüs, die Paletten, die Befehle und das Konzept des Programms insgesamt hat etwas Leichtes, Elegantes (was man bei Software sehr selten findet).
Mit dem technischen Support bei Pierian Spring habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht - der Mitarbeiter gab mir nicht nur etliche Vorschläge, wie ich mein Problem lösen könnte, er half mir auch zukünftige Probleme vermeiden. Auch alle Lehrer, mit denen ich gesprochen habe, lobten ungefragt den Support in den höchsten Tönen.
Als ideale Hardware für Digital Chisel gibt Pierian Spring einen Mac mit 68040- oder PowerPC-Prozessor, 5 MB zugewiesenen Speicher und einen Monitor mit 256 Farben an. Minimal sollte es ein 68030 mit 25 MHz, 3 MB freiem RAM, System 7 in irgendeiner Version und ein 12-Zoll-Monitor mit 256 Farben sein. Auf der Platte belegt das Programm 5 MB. Derzeit arbeitet Pierian Spring an der Version 3.0 (derzeit im Beta-Stadium); eine Windows-Version ist ebenfalls in Vorbereitung.
Digital Chisel kostet 109 US$ für einen Benutzer, Schulpakete kosten 149 $, es gibt auch Site-Lizenzen. Bis 30. April 1997 bieten Strata und Pierian Spring ein großes Bündel an, das Vision 3D 4.0, Media Paint 1.2, zwei Exemplare von VideoShop 3.0, Digital Chisel 2.1.3, ein Vision-3D-Tutorial und ein T-Shirt enthält. Es kostet 379 US$, für Schulen 239 $.
<http://www.netschool.com/oasis/news/hotdeal.html>
Pierian Spring Software -- 503/222-2044 -- 503-222-0771 (fax)
-- <info@pierian.com>
Ständige Autoren der TidBITS in dieser Ausgabe:
Adam C. Engst [ACE], Tonya Engst [TJE], Jeff Carlson [JLC], Geoff Duncan [GD].
Übertragung dieser Ausgabe:
Walter J. Ferstl [WJF].
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