TidBITS#428/04-May-98 - Deutsch

Wurm-Alarm! Diese Woche beschreiben wir Autostart-9805, einen Daten zerstörenden Wurm, der im Moment auf Macs sein Unwesen treibt. Adam berichtet über den beklagenswerten Status der Dokumentation zu gängiger Software. Wir melden ein Update zum Eudora Internet Mail Server, ein neues Abkommen zwischen Apple und HP über Mac-Drucker, Retrospect Driver 1.4 von Dantz, MindVisions Installer VISE - für Freeware- und Shareware-Autoren kostenlos - und eigenartige ZipPlus-Probleme.

Autorisierte Übertragung der TidBITS#428/04-May-98.

Die Originalausgabe finden Sie unter: <http://www.tidbits.com/tb-issues/TidBITS-428.html>

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Themen:

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MailBITS/04-May-98

[Übersetzung: Walter J. Ferstl]

ZipPlus tief im Minus -- Iomega hat kürzlich die Richtlinien für die Kompatibilität des ZipPlus-Laufwerks revidiert, die vermuten lassen, daß Iomega nicht ganz auf der Höhe der Realität ist. Das ZipPlus kann erkennen, ob es an eine SCSI- oder an eine parallele Schnittstelle angeschlossen ist; es verwendet ein spezielles blaues AutoDetect-Kabel. Wer dieses Kabel nicht verwendet oder "irgendeinen Kabel-Konverter oder Gender Changer" verwendet oder das Laufwerk in einer Konfiguration mit mehreren SCSI-Geräten einsetzt, kann System-Inkompatibilitäten und Datenverlust erleiden. Iomega empfiehlt auch, das ZipPlus nicht an ein PowerBook anzuschließen, egal mit welchem Kabel. Wir hoffen, daß Iomega bald eine solide Lösung dieses Problems bereitstellt. [JLC]

<http://www.iomega.com/product/zip/zipplus.html>
<http://www.iomega.com/support/techs/zip/zpluswp.html>

Auf Nummer sicher -- Dantz Development stellt kostenlos das Update 1.4 für Retrospect 4.0 Driver zur Verfügung, das in Retrospect die Unterstützung für zahlreiche neue CD-R-Laufwerke, Bandlaufwerke und Bandwechsler-Mechanismen ermöglicht. Als führendes Backup-Programm am Macintosh unterstützt Retrospect 4.0 sehr viele Geräte; die volle Liste finden Sie in der Backup Mechanism Compatibility List von Dantz. Das Driver Update 1.4 ist eine Download-Datei von 111 K. [ACE]

<http://www.dantz.com/upgrades_and_updates/rdu.html>
<http://www.dantz.com/backup_hardware/mech_list.html>

Mailsmith verläßt die Werkstatt -- Bare Bones Software hat das Erscheinen von Mailsmith 1.0 angekündigt, dem lange erwarteten E-Mail-Client. Der Markt für E-Mail-Programme scheint übervölkert (mit eingeführten Produkten wie Emailer, Eudora, Netscape Communicator, Outlook Express, QuickMail Pro und anderen), aber Mailsmith bekommt einige unübliche Fähigkeiten mit auf den Weg. Mailsmith kann durch Multithreading Mail senden, empfangen und filtern, während der Benutzer weiterarbeitet; es filtert nach mehreren Kriterien und in mehreren Durchgängen; es gestattet "unscharfes" ["fuzzy"] Suchen und die Benutzung von grep-Mustern in Such- und Filtervorgängen; die Mail wird in Datenbankform gespeichert; das Programm bietet OSA-Scripting und -Aufzeichnung sowie die grundlegenden Textbearbeitungsfunktionen von BBEdit. Mailsmith soll im Handel 79 Dollar kosten (empfohlener Preis); registrierte BBEdit-Nutzer zahlen 59 Dollar und User von anderen Mail-Programmen erhalten Rabatt. Die FTP-Site von Bare Bones (s.u. die beiden FTP-Links) hält eine Demo-Version bereit. [ACE]

<http://web.barebones.com/press/msmithpr.html>
<http://web.barebones.com/products/msmith/msmith.html>

<ftp://ftp.barebones.com/pub/demos/Mailsmith_1.0.1_Demo.hqx> <ftp://ftp.barebones.com/pub/demos/Mailsmith_1.0.1_Demo.sit.bin>

Inkjets von HP werden Mac-kompatibel -- Nun, da die StyleWriter von Apple Geschichte sind, haben Apple und Hewlett-Packard (HP) verlauten lassen, daß die kommenden Tintenstrahldrucker von HP mit dem Mac OS kompatibel sein werden und Apple einige Druckermodelle von HP direkt an Kunden im Bildungsbereich verkaufen wird; Schulen werden also vermutlich Computer und Drucker mit derselben Bestellung kaufen können. Drucker der Marke HP werden auch noch dieses Jahr über Kanäle des Direktvertriebs wie den Apple Store zu beziehen sein. Die Mac-Treiber für die HP-Drucker werden anscheinend weder von Apple noch von HP geschrieben werden; das ist erfreulich (die StyleWriter-Treiber von Apple waren ja alle ziemlich gut, die Mac-Treiber von HP hingegen eher mittelprächtig). Statt dessen wird InfoWave diese Treiber liefern, der Hersteller von PowerPrint (einem Produkt zum Druck vom Mac auf PC-Drucker) und StyleScript (einem PostScript-Interpreter für Tintenstrahler) und die Treiber werden möglicherweise auch Apples ColorSync zum Übereinstimmen der Farben zwischen Bildschirm und Drucker unterstützen. [GD]

<http://www.apple.com/pr/library/1998/apr/28hp.html>
<http://www.infowave.net/whats_new/html/04_06_98.html>

VISE kostenlos für Freeware und Shareware -- MindVision Software hat eine kostenlose Lizenz der Installationssoftware VISE für Autoren von Free- und Shareware angekündigt. Installer VISE 5.0.1 weist zahlreiche gehobene Optionen auf wie einen Installer auf Web-Basis, präzises Plazieren von Icons, benutzerdefinierte Formulare, Integration mit der Updater-VISE-Technologie und Online-Registrierung der installierten Produkte. In einer Zeit, in der Apple die Beziehungen mit den Entwicklern neu definiert, um sich auf die 100 größten Mac-Entwickler zu konzentrieren (siehe "Apples neue Entwickler-Programme..." in TidBITS-425), tut es gut zu sehen, daß andere Mitglieder der Mac-Industrie kleinen Entwicklern zur Seite stehen. [ACE]

<http://www.mindvision.com/Pricing/shareware.html>
<http://www.mindvision.com/News/Mac5.0/ComingSoon.html>
<http://www.carrier.co.at/res/mac/tidbits/TidBITS-425>

Eudora Internet Mail Server in Version 2.1 -- Qualcomm hat ein kostenloses Update herausgegeben, das den Eudora Internet Mail Server 2.0 oder 2.0.1 auf Version 2.1 bringt. Wichtige Neuerungen sind die Unterstützung von IP Multihoming unter Open Transport 1.3, Beobachtung und Bearbeitung der Schlange ausgehender Messages über eine Netzverbindung, Import und Export von Benutzern und die Zuweisung von IP-Adreßbeschränkungen beim Weiterleiten von Mail. Dazu kommen einige Änderungen an der Benutzeroberfläche, behobene Fehler und Verbesserungen in der Leistung (speziell beim Hereinladen von Daten in das Programm EIMS Admin). Der Eudora Internet Mail Server 2.0.1 kostet online allein 199, mit einer 5er-Lizenz Eudora-Clients 299 Dollar. Das Update zum Herunterladen ist 1,6 MB groß. [ACE]

<http://eudora.qualcomm.com/eims/>
<http://eudora.qualcomm.com/eims/updaters.html>


Der Wurm "Autostart" bricht den Frieden am Mac

von Mark H. Anbinder <mha@tidbits.com>

[Übersetzung: Walter J. Ferstl]

Fast drei Jahre nach dem Erscheinen des letzten Mac-spezifischen Virus ist nun wieder ein Exemplar Macintosh-Malware (Software, die zu malignen Zwecken geschrieben wurde) aufgetaucht. Es handelt sich um einen sogenannten "Wurm", der in der Lage ist, Datenfiles zu überschreiben, in der Publishing-Szene in Hong Kong zum ersten Mal beobachtet wurde und sich dort rasch ausgebreitet hat. Anders als ein Virus, der sich an ein Programm anhängen muß, um seine Funktion erfüllen zu können, arbeitet ein Wurm selbständig.

Der Wurm wird von Anti-Viren-Spezialisten als "Autostart-9805" bezeichnet und nutzt eine Eigenheit von QuickTime (in den Versionen 2.0 und neuer), die es gestattet, daß ein Programm auf einer CD-ROM, unmittelbar nachdem diese eingeschoben wurde, automatisch gestartet wird. Ab Version 2.5 von QuickTime kann diese Option im Kontrollfeld QuickTime Settings vom Benutzer deaktiviert werden.

Die innere Funktion -- Fachleute sagen, daß der Wurm sich über fast jedes Speichermedium (HFS oder HFS+) ausbreiten kann, also über Disketten, die meisten Wechselmedien, magneto-optische Disks, beschreibbare CDs, Festplatten und sogar über ladbare Disk Images von DiskCopy oder ShrinkWrap. Der Wurm arbeitet nur auf PowerPC-Systemen unter dem Mac OS und kann sich zu Anfang nur auf einem Computer einnisten, der QuickTime 2.0 oder neuer installiert und das automatische Abspielen einer CD-ROM eingeschaltet hat.

Infizierte Platten enthalten ein unsichtbares Programm namens DB mit Type APPL und Creator ???? auf der obersten Ebene; die AutoPlay-Option ist in den Boot-Blocks der Platte auf "ein" gesetzt. Wenn die infizierte Disk geladen wird, startet die Applikation DB und kopiert sich in den Ordner Systemerweiterungen des aktiven Systemordners. Diese Kopie ist ebenfalls unsichtbar; sie heißt "Desktop Print Spooler" und hat den Type appe (sie ist aber nicht mit der sichtbaren und legitimen Erweiterung "Desktop Printer Spooler" zu verwechseln!). Der Wurm startet dann den Computer neu und lädt sich über den unsichtbaren Desktop Print Spooler (der als Hintergrund-Applikation ohne eine sichtbare Programm-Oberfläche läuft, ohne im Applikations-Menü aufzuscheinen) in den Arbeitsspeicher.

Etwa alle dreißig Minuten untersucht der Wurm alle geladenen Laufwerke und versucht diejenigen, die nicht schon infiziert sind, zu infizieren, indem er sich als DB mit angestelltem AutoPlay auf die oberste Ebene dieses Volumes kopiert. Dann sucht er geladene Volumes nach Dateien ab, deren Namen mit "data", "cod" oder "csa" enden und die Daten-Zweige mit mehr als 100 Byte haben, oder nach Dateien, die auf "dat" enden und größer als 2 MB sind. Wenn er eine solche Datei findet, überschreibt er etwa das erste MB des Daten-Zweiges mit Datenmüll.

Sind Sie infiziert? -- Bis dato glauben die Experten für Virenbekämpfung nicht, daß sich AutoStart-9805 weit über den Kreis der Desktop-Publishing-Leute in Hong Kong hinaus verbreitet hat; möglicherweise kann die weitere Ausbreitung also verhindert werden. Fragen Sie den Hersteller Ihres Anti-Viren-Programms nach den neuesten Updates und bedenken Sie, daß überholte Viren-Beschreibungs-Dateien nutzlos sind! An sichtbaren Symptomen können Sie überprüfen:

Vorbeugung -- Das Risiko einer neuen Infektion kann ausgeschaltet werden, indem man die CD-ROM-AutoPlay-Option [in der deutschen Version "CD-ROM automatisch starten", --WJF] im Kontrollfeld QuickTimeŞ Einstellungen bei QuickTime 2.5 oder einer neueren Version abschaltet, Das hilft allerdings nichts mehr, wenn das System schon infiziert ist, und verhindert auch nicht, daß ein infizierter Mac die unsichtbaren DB-Dateien auf Laufwerken anlegt, die im Netz erreichbar sind. QuickTime-Versionen vor 2.5 bieten nicht die Möglichkeit, die AutoPlay-Option abzustellen - die QuickTime-Gruppe von Apple empfiehlt daher, auf QuickTime 2.5 aufzurüsten, wenn Sie eine ältere Version haben. Die Option Audio-CD-AutoPlay abzustellen ist nicht notwendig, weil normale Audio-CDs diesen Wurm nicht enthalten können.

<ftp://ftp.info.apple.com/Apple_Support_Area/Apple_SW_Updates/US/Macintosh/System/QuickTime/Older_QuickTime/>

Hilfsprogramme -- Der Anti-Virus Toolkit von Dr. Solomon und Virex sind beide überarbeitet worden und berücksichtigen diesen Wurm; Symantec wird für SAM ein Update bringen. Die Freeware Disinfectant von John Norstad kann diese Problem nicht erkennen; er empfiehlt, eine aktuelle Kommerzielle Applikation zu verwenden. Er plant bald bekanntzugeben, ob er Disinfectant aktualisieren wird, damit es mit AutoStart-9805 fertig wird.

<http://www.drsolomon.com/products/avtk/ps_mac.html>
<http://www.drsolomon.com/products/virex/>
<http://www.symantec.com/sam/>
<ftp://ftp.nwu.edu/pub/disinfectant/>

Der QuickTime-Betreuer Charles Wiltgen von Apple drückte seine Freude darüber aus, daß "die kommerziellen Anbieter so rasch auf dieses Problem reagiert haben". Wiltgen fordert alle QuickTime-User dazu auf, die CD-ROM-AutoPlay-Option auszuschalten (es sei denn, sie hätten spezielle Gründe, das nicht zu tun) und ein aktuelles Anti-Viren-Programm zu benutzen.


Das Ende der Handbücher

von Adam C. Engst <ace@tidbits.com>

[Übersetzung: Heike Kurtz]

Ein alter Evergreen geht mir seit einiger Zeit nicht mehr aus dem Kopf - allerdings mit leicht verändertem Text. Ständig höre ich Pete Seeger, wie er singt: "Wo sind all die Handbücher hin, wo sind sie geblieben?" Ich befürchte, es wird noch eine Weile dauern, bis ich aufhöre, das Ding ständig in Gedanken vor mich hin zu summen.

Diese Woche hat mich zum erstenmal seit langer Zeit wieder ein Produkt durch die Qualität der mitgelieferten Dokumentation beeindruckt: Das ausgezeichnete Handbuch zu WebSTAR 3.0, geschrieben von Avi Rappoport, hat mich wirklich überrascht. Die meisten Produkte werden heutzutage aber sogar ganz ohne gedruckte Handbücher ausgeliefert. Was ist aus den tollen Bedienungsanleitungen der letzten Jahre geworden, aus denen man Dinge lernen konnte, die nicht automatisch aus der Benutzeroberfläche hervorgingen? Ich muß zugeben - gut geschriebene Handbücher waren schon immer eher die Ausnahme, aber ich kann mich an ein paar hervorragende Exemplare erinnern. Das erste Handbuch zu Suitcase bot eine exzellente Erklärung über die Funktionsweise von Schrifttypen am Mac und frühe Versionen des Handbuchs zu Norton Utilities enthielten detaillierte Informationen über die Festplattenstruktur des Macintosh.

Heute erinnern Handbücher - wenn sie überhaupt in Papierform vorliegen - eher an Broschüren als an Bücher. Der Umfang sagt natürlich nichts über die Qualität aus, aber niemand kann genauere und umfassendere Informationen über ein Produkt liefern als der Hersteller. Bücher unabhängiger Autoren mögen besser geschrieben und strukturiert sein - und ehrlicher in bezug auf die Mängel eines Programms - aber diese Leute kommen im Gegensatz zu firmeninternen Verfassern eben nicht an die Tester und Entwickler des Programms heran.

Man braucht sich ja nur das gerade erst herausgekommene Microsoft Office 98 anzuschauen. Es besteht aus drei komplexen, leistungsfähigen Programmen: Word, Excel und PowerPoint - alles, was man an gedrucktem Referenzmaterial bekommt, sind drei dünne "Getting Results"-Heftchen (248 Seiten für Word, 244 Seiten für Excel und 160 Seiten für PowerPoint) mit aufgabenorientierter Hilfe für erfahrene Benutzer. Im Vorwort zur Word-Anleitung heißt es sogar: "Benutzer, die schon eine Weile mit Word arbeiten und im Normalfall in der Lage sind, die anfallenden Aufgaben mit Hilfe des Programms zu erledigen, werden dieses Buch als äußerst nützlich empfinden." Unerfahrene Benutzer werden auf das 50 Seiten starke "Erste Schritte"-Kapitel verwiesen, das nur die allernotwendigsten Grundlagen enthält, Fortgeschrittene und Systemadministratoren dagegen auf das Microsoft Office Resource Kit im Internet (auch als Buch für 60 Dollar bei Microsoft Press erhältlich).

<http://www.microsoft.com/office/ork/>
<http://mspress.microsoft.com/prod/books/1329.htm>

Bis auf einen wirklich verwirrenden stilistischen Fehler (am Mac klickt man Menüs nicht an, man wählt Befehle aus Menüs aus!) ist Microsofts Dokumentation gar nicht mal schlecht - aufgabenorientierte Hilfe ist sehr praktisch - sie ist nur einfach unvollständig, denn es gibt keine ernsthafte Beschreibung aller enthaltenen Funktionen, die sonst bei Microsoft üblich war und die einige TidBITS-Leser schon vermißt haben. Und dies ist nur eines von vielen Beispielen für dürftige Dokumentationen, die ich in letzter Zeit gesehen habe - ein weiteres ist das Handbuch zu Eudora Pro 4.0 von Qualcomm.

Medienwechsel -- Wo sind also all diese Handbücher geblieben und warum gibt es sie nicht mehr? Der Hauptgrund sind wohl die Kosten. Es kostet Geld, gute technische Redakteure anzustellen, die nützliche Handbücher schreiben - von den Druckkosten ganz abgesehen. Dicke Handbücher machen die Packung schwerer, das erhöht die Versandkosten. Der 'Grammarian' von Casady & Greene (80 US$) wird deshalb mit einer elektronischen Bedienungsanleitung ausgeliefert - das Buch kostet 15 US$ extra.

<http://www.casadyg.com/products/grammarian/>

Aber wenn diese physischen Einschränkungen der einzige Grund für das Fehlen hervorragender Handbücher wären, bekämen wir sie eben als Dateien - und leider sind die elektronischen Dokumentationen in letzter Zeit ebenso schlecht oder gar noch schlechter als das, was aufs Papier kommt. Ich denke, daß die Gründe für die miserablen Handbücher anderswo liegen.

Apple ist zu einem kleinen Teil mit schuld an diesem Trend zur unzureichenden Dokumentation, denn dadurch, daß man schon immer darauf bestand, daß Macintosh-Programme bei grundlegenden Funktionen alle gleich auszusehen und zu funktionieren hätten, wurden die Programme einfacher zu bedienen. Systeme ohne Konventionen - und obendrein noch ohne graphische Benutzeroberfläche, wie z. B. DOS oder UNIX - erfordern mehr Erklärungen, denn wie soll man die Dinge sonst herausfinden?

Auch wir Benutzer sind ein bißchen schuld. Schließlich war der Satz "Handbücher lese ich nie!" immer das Mantra des Macintosh-Nutzers. In den meisten Fällen tun wir das auch nicht, denn der Benutzer erwartet, daß Software so einfach zu bedienen ist, daß das Handbuch lediglich einen überflüssigen Anhang darstellt. Manche Produkte sind tatsächlich so einfach, aber viele sind es nicht. Schade eigentlich, daß es viel billiger ist, ein Pamphlet auszuliefern, das die Einfachheit des Produktes vorgaukelt, auch wenn es ein komplexes, leistungsfähiges Programm ist.

Auch bei Computerbüchern habe ich diesen Trend beobachtet. Als Autor des Standardwerks "Internet Starter Kit for Macintosh" war ich erstaunt zu erfahren, wieviele Leser gerne weniger Informationen gehabt hätten. Es war nicht der Preis, der sie störte, nein - sie wollten einfach nicht das ganze Buch durchlesen und sie waren auch nicht bereit, klar gekennzeichnete Passagen, die sie nicht benötigten, zu überblättern. "Faszinierend," dachte ich "wenn ich die logische Konsequenz daraus ziehe, wären die Leute wohl bereit, 30 Dollar dafür zu bezahlen, daß ich Ihnen keinerlei Informationen liefere!"

Auch dem Internet möchte ich einen Teil der Schuld in die Schuhe schieben. Ich bin ein großer Verfechter der Idee vom ausgleichenden Effekt des Internet als demokratischem Medium - aber vieles, das ich online sehe, läßt die Professionalität des geschriebenen, strukturierten und redigierten Textes vermissen. Wenn etwas nicht ganz so geschliffen formuliert ist, kann man das akzeptieren, falls die Qualität der Information hoch ist, aber viele Dinge im Internet sind so schlecht, daß die Meßlatte dessen, was man erwartet, immer tiefer rutscht - besonders im Bereich der elektronischen Dokumentation.

Und schließlich - wer Handbücher schreibt, ist üblicherweise kompetent und hat den Sachverhalt gut und korrekt recherchiert, auch wenn er kein begnadeter Autor ist. Aber er ist kein Lehrer und verdient seinen Lebensunterhalt nicht damit, sich auszudenken, wie man einer breiten Palette möglicher Zielgruppen komplexe Tatsachen am besten näherbringt. Es ist nicht einfach, Informationen optimal zu formulieren und anzuordnen; man muß dabei ständig die Bedürfnisse des Lesers im Hinterkopf behalten. Wer vergißt, daß er dem Leser beim Lernen behilflich sein soll, fabriziert unweigerlich ein mittelmäßiges Handbuch.

Auf Automatikbetrieb umschalten -- Nichts liegt mir ferner als über die Qualität von Dokumentationen zu jammern, ohne Vorschläge zur Verbesserung der Situation zu machen:

1. Anhand der Reaktionen, die ich auf meine Bücher bekommen habe, bin ich zu dem Schluß gekommen, daß geschriebene Informationen nicht unpersönlich sein sollten. Beziehen Sie Stellung und lassen Sie ein bißchen Persönlichkeit erkennen! Ein faszinierendes Beispiel für dieses Problem ist die Dokumentation zu Microsoft Office 98: Die gedruckten Handbücher und die Online-Hilfe sind ziemlich trocken, aber eine der Hauptfunktionen des Programms ist Max, der personalisierbare Mac-ähnliche Office-Assistent. Seine Streiche können manchmal nerven, aber diejenigen, die ihn mögen, tun das, weil er lustig ist. Die Handbücher und die Online-Hilfe würden davon profitieren, wenn sie ein wenig von dieser Leichtigkeit abbekommen hätten.

2. Ohne Sorgfalt keine gute Online-Dokumentation. Die erste Entscheidung, die noch vor dem Beginn der Arbeit an der Dokumentation getroffen werden sollte, betrifft das elektronische Format. Viele Firmen wandeln ihre Handbücher z. B. einfach in PDF-Format um und liefern Acrobat Reader zusammen mit der Software aus. Das reicht nicht aus und führt in den meisten Fällen zu fast unbrauchbaren Dokumentationen.

Wenn man PDF verwendet, sollte man ein Layout entwerfen, das am Bildschirm gelesen werden kann und eines, das sich zum Ausdrucken eignet. Die Bildschirmversion sollte allgemein gebräuchliche Bildschirmschrifttypen verwenden und PDF-Funktionen wie Navigationshilfen und Links benutzen. PDF-Dateien sollten außerdem die Suchfunktionen von Acrobat Reader erwähnen. Die Suchfunktion ist wichtig - wer andere elektronische Formate verwendet, sollte sicherstellen, daß sie eine zur Verfügung stellen! Ein Beispiel für gute elektronische Dokumentation auf PDF-Basis ist das Handbuch zu Retrospect Express von Dantz Development. Es ist zwar schade, daß das Programm mit nur 12 Seiten gedruckter Bedienungsanleitung ausgeliefert wird (jeweils in Englisch, Französisch und Deutsch), das Online-Handbuch aber ist vollständig, gut geschrieben und für das Lesen am Bildschirm gemacht (obwohl es auch Tips zum Ausdrucken enthält). Es bietet Navigationshilfen und ein "aktives" Inhaltsverzeichnis, in dem man durch Anklicken einer Überschrift sofort zur entsprechenden Seite springt.

<http://www.dantz.com/sp/808.html>

Ein Datei in PDF zu erstellen, ist zwar relativ einfach, aber gerade für die elektronische Version eines gedruckten Handbuchs kann HTML heutzutage gebräuchlicher sein, wobei die Variante, ein Handbuch in HTML zu erstellen, auch nicht immer die Ideallösung sein muß. Web-Browser können nur in einer einzelnen Seite suchen, aber nicht in einer Gruppe von Web-Seiten (man könnte allerdings einen Link zu einer Online-Suchmaschine auf seiner Web-Site einfügen). Außerdem ist es wichtig, viele Navigierhilfen und -links vorzusehen, da es sonst relativ mühsam ist, sich durch das Handbuch durchzuklicken.

Den Geldbeutel zücken -- Große Firmen haben die wenigsten Ausreden, wenn sie Handbücher unter dem Durchschnitt liefern, besonders für ihre Flagschiff-Produkte, die oft hunderte Dollar kosten. Gute Dokumentation erhöht zwar die Entwicklungskosten, aber diese Firmen geben bereits Riesensummen für die Dokumentation aus.

Für große Firmen ist die Lösung des Problems deshalb meiner Ansicht nach einfach: Holt Euch einen professionellen Autor, der das Handbuch schreibt! Man braucht sich doch nur mal anzuschauen, wie viele Bücher unabhängiger Autoren es zu den einzelnen Programmen gibt. Viele dieser Bücher haben eine Auflage von nur 10.000 oder 15.000 Stück, d. h. der Autor verdient ca. 10.000 bis 20.000 Dollar vor Steuern. Eine große erfolgreiche Firma könnte leicht 40.000 oder 50.000 Dollar ausgeben, um jemanden anzustellen (oder gar eine Arbeitsgruppe), der dann ein Handbuch in Top-Qualität abliefert. Natürlich hat der Autor keine Chance, auf diese Weise Tantiemen für einen Bestseller zu bekommen, aber viele Verlage fordern Schriftsteller derzeit auf, Bücher als Auftragsarbeit zu schreiben, ohne Tantiemen auch nur zu erwähnen.

Das Argument, daß zu einem Handbuch mehr gehört als nur das gute Schreiben, zieht auch nicht. Erfahrene Autoren leisten beim Verfassen eines Buches oft mehr als nur schreiben. Manche Verlage machen den Autor für den Index verantwortlich (professionelle Index-Spezialisten sind immer besser als Amateure - vgl. David Holzgangs Artikel "Überaus wichtig: Der Index zu einem Buch" in TidBITS-333) und verlangen, daß der Autor PostScript-Dateien liefert. Für meinen "Eudora Visual Quick Start Guide" schrieb ich im Peachpit-Stil, erstellte das Layout anhand einer QuarkXpress-Formatvorlage, überzeugte Tonya davon, das Ganze zu redigieren und bezahlte einen Indexer für die Zusammenstellung des Registers.

<http://www.carrier.co.at/res/mac/tidbits/TidBITS-333>

Und wenn eine große Firma kein Interesse daran hat, einzelne Autoren zu verpflichten - warum nicht einen Vertrag mit einem Verlag abschließen? Dadurch, daß ein Verleger ins Spiel kommt, werden die Kosten zwar höher, aber es könnte ein noch besseres Handbuch dabei herauskommen, denn Verlage haben professionelle Lektoren und Produktionsabteilungen. Außerdem tun sie nichts anderes, als ständig solche Bücher herauszubringen. Ich würde keine Sekunde zögern, alle Handbücher, die ich in letzter Zeit gesehen habe, durch die QuickStart Guides von Peachpit Press zu ersetzen, obwohl sie aufgabenorientiert sind und keine Detailinformationen bieten.

Die Erstellung eines guten Handbuches kann die Kosten für technische Unterstützung vermindern, aber viele große Firmen verlangen mittlerweile Geld für den Support und haben deshalb nichts davon, die Kosten dafür zu vermindern. Anhänger der Verschwörungstheorie könnten sogar auf die Idee kommen, miese Handbücher steigerten den Umsatz der Support-Hotlines...

Dokumentation in der Minimalversion -- Was aber ist mit den kleinen Firmen? Sie haben zwar nicht die gleichen Möglichkeiten, aber kleine Firmen haben meist auch nicht die gleichen Probleme, weil sie oft weniger komplexe Produkte herstellen. Das soll nicht heißen, daß kleine Produkte ohne Dokumentation auskommen. Eine gute ReadMe-Datei muß sein, besonders bei Software, die nur über das Internet vertrieben wird. Tonya hat in den letzten Jahren mehrere Artikel über dieses Thema geschrieben, meistens weil sie durch schlechte ReadMe-Dateien verwirrt worden war.

<http://db.tidbits.com/getbits.acgi?tbser=1039>

Obwohl ein ReadMe eine grundlegende Voraussetzung darstellt, brauchen die meisten Programme auch Handbücher. Kleine Firmen können sich zwar wahrscheinlich keinen professionellen Autor leisten, aber man erlaube mir, ein vereinfachtes Schema für eine Gebrauchsanweisung zu entwerfen: Niemand muß sich stur daran halten, aber wer diese Punkte erfüllen kann, sollte etwas Brauchbares zustandebringen.

Ich behaupte nicht, daß es einfach ist, nützliche Dokumentationen zu erstellen, aber ich denke, daß die Mühe sich lohnt, besonders im Sinne gesteigerter Kundenzufriedenheit und reduzierter Kosten für technische Unterstützung - Punkte, die besonders für kleinere Firmen und unabhängige Entwickler von großer Bedeutung sein können.



Ständige Autoren der TidBITS in dieser Ausgabe:
Mark Anbinder [MHA], Jeff Carlson [JLC], Geoff Duncan [GD], Adam C. Engst [ACE].

Übertragung dieser Ausgabe:
Walter J. Ferstl [WJF],
Heike Kurtz <heike@heikekurtz.de> [HK].

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