TidBITS#430/18-May-98 - Deutsch

Wie sieht die Zukunft des Mac-Betriebssystems aus? Geoff Duncan befaßt sich mit Rhapsody, dem Mac OS und dem Weg hin zu Mac OS X. Weiters berichten wir über neue Lizenzbedingungen für QuickTime, Jeff Carlson weist auf Apples neue Design-Linie hin. Im Meldungsteil: Antitrust-Klagen werden gegen Microsoft eingebracht, neue Versionen sind Internet Explorer 4.01, GoLive CyberStudio 3, AutoShare 2.3 und Adobe Photoshop 5 und wehmütig verabschieden wir uns von MacWEEK.

Autorisierte Übertragung der TidBITS#430/18-May-98.

Die Originalausgabe finden Sie unter: <http://www.tidbits.com/tb-issues/TidBITS-430.html>

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Themen:

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MailBITS/18-May-98

[Übersetzung: Walter J. Ferstl]

Antitrust-Verfahren gegen Microsoft -- Nach dem Scheitern von Verhandlungen haben das U.S.-Justizministerium und 20 Bundesstaaten zueinander in enger Beziehung stehende Antitrust-Klagen gegen Microsoft eingebracht. Die Klagen gehen alle davon aus, daß Microsoft seine dominierende Position bei den Betriebssystemen widerrechtlich dazu benutzt hat, um diese Dominanz auch in den Markt für Internet-Software hinein auszudehnen. In den Klagen, die von den Bundesstaaten eingebracht wurden, wird Microsoft darüber hinaus beschuldigt, seine Position bei den Betriebssystemen dazu zu benutzen, Microsoft Office auf Kosten seiner Mitbewerber zu verbreiten. Microsoft hat angekündigt, die Klagen vor Gericht bekämpfen zu wollen, obwohl Microsoft-Chef Bill Gates auch gesagt hat, seine Firma stehe weiteren Verhandlungen offen gegenüber. Mehr Details dazu lesen sie im Artikel "Special Report: U.S. v. Microsoft" in ZDNet. [ACE]

<http://www.zdnet.com/zdnn/special/msvdoj.html>

Lebwohl MacWEEK, willkommen e/media Weekly -- Mac Publishing hat bekanntgegeben, daß ab der Ausgabe vom 24. August 98 MacWEEK unter dem Namen e/media Weekly (oder Emedia Weekly oder auch EMedia Weekly, je nach Quelle) erscheinen werde. Das 11 Jahre alte Magazin wird sich in Zukunft als "The Newsweekly for Digital Media Managers" ["Wochenmagazin für Manager digitaler Medien", --WJF] verstehen; der Namenswechsel ist der letzte Schritt zur Neuorientierung auf die digitalen Medien, unabhängig von der benutzten Plattform. e/media Weekly wird seine Reichweite von 85000 Lesern beibehalten, von denen angeblich 70 Prozent in Umgebungen arbeiten, die mehrere Platformen umfassen. Laut Matthew Rothenberg, der bei Mac Publishing für Online-Publikationen verantwortlich ist, wird MacWEEK Online weitergeführt. [ACE]

<http://biz.yahoo.com/bw/980514/macweek_ma_1.html>
<http://www.macweek.com/>
<http://www.zdnet.com/macweek/mw_1219/nw_macweek.html>

Internet Explorer 4.01: Schneller und stabiler -- Microsoft hat Internet Explorer 4.01 herausgebracht, ein Upgrade, das für Benutzer von Internet Explorer ein Muß ist. Es gibt zwar nur ein einziges neues Feature (die Unterstützung der ColorSync-Technologie von Apple, sodaß JPEG-Bilder exakt so wiedergegeben werde, wie es von den Urhebern geplant war), die Version 4.01 enthält aber zahlreiche Verbesserungen in der Leistung und in Form behobener Fehler. Die Startphase und die Wiedergabe geladener Seiten läuft schneller und Microsoft behauptet auch, die Java-Leistungen verbessert zu haben. Die Stabilität ist immer schwer objektiv zu beurteilen, aber in unseren Tests stürzte 4.01 weniger oft ab als 4.0.

Dem Paket Internet Explorer 4.01 ist Outlook Express 4.01 beigefügt, das ebenfalls verbesserte Leistung, behobene Fehler und einige neue Features aufweist. Outlook Express unterstützt nun die StuffIt-Engine, weitere Import-Formate und Nicknames im erweiterten Umfang. Die Datei zum Herunterladen ist zwischen 12,6 und satten 29,2 MB groß. Wenn Sie den Active Setup Installer (327K) herunterladen, können Sie bestimmen, welche Komponenten dazu geladen und installiert werden sollen. [ACE]

<http://www.microsoft.com/ie/mac/ie40/>
<http://www.microsoft.com/msdownload/iebuild/ie401_mac/en/ie401_mac.htm>

Das neue Photoshop 5 lernt mit Schrift umzugehen -- Es hat Jahre gedauert, aber jetzt kann das Type-Werkzeug von Photoshop ... mit Schriften umgehen! Die neue Version 5 von Photoshop, dem führenden Bildbearbeitungsprogramm von Adobe, unterstützt editierbaren Text. In früheren Versionen wurde Text, der in der Type-Dialogbox eingegeben worden war, in ein Pixel-Muster umgewandelt, das nur wie ein Bildelement nachbearbeitet werden konnte. Die neue Version beherrscht auch das Rückgängigmachen (und das Zurücknehmen des rückgängig-Befehls) in mehreren Schritten mit Hilfe der neuen History-Palette, dazu verbessertes Farb-Management, Unterstützung für Spot-Color-Kanäle, eingebaute Schicht-Effekte (wie Schlagschatten und schräge Kanten) und eine robustere Actions-Palette (mit der die meisten Funktionen von Photoshop automatisiert werden können). Die Upgrades kosten 199 (für die Vollversion) bzw. 299 Dollar (für die "Light"-Version); die volle Version 5.0 kostet 999 Dollar. Trotz des offiziellen Auslieferungsdatums spricht Adobe von möglichen Verzögerungen bis 4 bis 6 Wochen; einige Benutzer sollen aber die Upgrades schon erhalten haben. [JLC]

<http://www.adobe.com/prodindex/photoshop/>

CyberStudio 3 tritt ins Leben -- Mit der Weiterentwicklung des Web-Designs wollen die Gestalter immer mehr mit WYSIWYG-HTML-Programmen arbeiten, den erzeugten Code aber per Hand nachbearbeiten. Die neue Version CyberStudio 3 von GoLive kommt beiden Ansätzen entgegen und bietet darüber hinaus weitere Vorzüge (zu CyberStudio siehe Tonyas Artikel "Netze knüpfen, Teil 4: CyberStudio" in TidBITS-387). Beim graphischen Erstellen der Seiten kann der Benutzer steuern, wie der HTML-Code formatiert wird, Interaktivität mittels fertiger JavaScript-Aktionen hinzufügen, Effekte wie Cascading Style Sheets und Dynamic HTML (DHTML) einsetzen und auchkomplexe Sites handhaben. GoLive CyberStudio 3 Professional Edition wird zu einem Einführungspreis von 299 (später regulär um 549) Dollar angeboten. Benutzer von CyberStudio 2 können über das Netz kostenlos updaten, wenn sie ihr Programm nach dem 1. Januar 1998 gekauft haben, für alle anderen Kundne kostet das Upgrade 99 Dollar. Eine Testversion für 30 Tage kann heruntergeladen (8,7 MB) oder auf CD-ROM bezogen werden. [JLC]

<http://www.golive.com/three/cyberstudio/index.ehtml>
<http://www.carrier.co.at/res/mac/tidbits/TidBITS-387>

Das Apple-Logo verliert seine Farben -- Treue Apple-Benutzer werden bald nicht mehr behaupten können, "ihr Blut fließe sechsfarbig". Laut Time Magazine kratzt Apple die sechs regenbogenfarbigen Bänder vom Apple-Logo und ersetzt sie durch eine einzelne Farbe, weiß oder, etwa für den iMac, blau. Steve Jobs soll diese Entscheidung vor sechs Monaten mit seinen für Design, Werbung und Marketing verantwortlichen Leuten getroffen haben; er soll gesagt haben, die sechs Farben seien der Stil aus den 70ern und frühen 80ern. [JLC]

<http://www.pathfinder.com/time/magazine/1998/dom/980518/notebook.the_scoop.showd34.html>

AutoShare 2.3 ist da -- Mikael Hansen hat Version 2.3 von AutoShare herausgebracht, seinem Mailinglisten-Manager und automatischen Mail-Beantworter (Freeware). Die wichtigste neue Funktion ist die Unterstützung von "-on"- und "-off"-Adressen, denen wir mit der TidBITS-Liste zu höherer Bekanntheit verholfen haben, wo sie zum einfachen An- und Abmelden dienen. Weitere Verbesserungen bei der Version 2.3 sind die Unterstützung unbekannter Accounts und der Umgang mit unzustellbarer Mail. Die Datei zum Herunterladen ist 1,7 MB groß. [ACE]

<http://www.dnai.com/~meh/autoshare/>

Korrekturen zu Chips und Kabeln -- In TidBITS-429 hat die Aufregung über die neuen PowerBooks und die kommende MacPac-Software zum PalmPilot Jeff Carlsons Leitung zum Glühen gebracht. Viele Quellen haben behauptet, der Prozessor für die preisgünstigeren G3-PowerBooks sei der PowerPC 740 (siehe "Apples Hardware-Strategie: Verführung mit PowerBooks und iMac"). Richtig ist laut einer Developer Note von Apple, die letzte Woche in Umlauf gesetzt wurde, daß alle neuen PowerBooks-Typen den PowerPC 750 enthalten. Die Besonderheit der 233-MHz-Version ist der fehlende Backside-Cache. Zum PalmPilot (siehe "Claris Organizer wird als PalmPilot MacPac neu erscheinen") haben uns zahlreiche Leser berichtigend hingewiesen, daß der Adapter im MacPac nicht den Anschluß an den ADB-Port des Mac, sondern an die serielle Schnittstelle ermöglicht. [JLC]

<http://www.carrier.co.at/res/mac/tidbits/TidBITS-429>
<http://gemma.apple.com/techpubs/hardware/Developer_Notes/Macintosh_CPUs-PPC_Portable/PowerBookG3Series.pdf>
<http://www.carrier.co.at/res/mac/tidbits/TidBITS-429>


Apple revidiert Lizenzpolitik für QuickTime 3

von Geoff Duncan <geoff@tidbits.com>

[Übersetzung: Walter J. Ferstl]

Entwickler und Benutzer werden es sicher mit Freude vernehmen: Apple hat verkündet, die Lizenzpolitik für QuickTime 3 revidieren zu wollen (siehe "Apples neue Entwickler-Programme und QuickTime-Lizenzierung" in TidBITS-425). Das ursprüngliche Lizenzabkommen für QuickTime 3 räumte Entwicklern die tantiemenfreie Verbreitung von QuickTime 3 nur für den Fall ein, daß sie ihre Programme beim Start jedesmal eine QuickTime-Sequenz "Kaufen Sie QuickTime Pro" auf das Desktop kopieren ließen. Diese Vorschrift ist als "Desktop Spamming" bezeichnet worden und wurde kritisiert, weil sie sowohl Schwierigkeiten im technischen Support als auch Möglichkeiten für trojanische Pferde hervorrufe. Apple hatte auch jede Lizenzierung für QuickTime 2.x eingestellt, sodaß für Produkte unter Windows 3.1 kein QuickTime zur Verfügung stand.

<http://developer.apple.com/mkt/registering/swl/swl.shtml>
<http://www.carrier.co.at/res/mac/tidbits/TidBITS-425>

Die neuen Lizenzbedingungen, die ab Ende Mai zusammen mit neuen Installern für QuickTime 3.0 zur Verfügung stehen sollten, verpflichten die Entwickler, als Teil der Installation ihres Produkts den QuickTime-3-Installer laufen zu lassen oder, falls ihre Software ohne Installer auskommt, die Benutzer auf den QuickTime-Installer hinzuweisen. Der neue QuickTime-3-Installer wird eine Werbeeinblendung für QuickTime 3 Pro zeigen und das Movie "Kaufen Sie QuickTime Pro" einmal auf das Desktop kopieren (statt wie bisher jedesmal, wenn das Produkt des Entwicklers gestartet wurde). Wie bisher können Produkte gegen eine Zahlung von 1 bzw. 2 Dollar an Tantiemen (je Stück Software) werbefreie Versionen von QuickTime 3 bzw. QuickTime 3 Pro enthalten. Apple plant auch, das QuickTime-Plug-In für Web-Browser so zu ändern, daß das QuickTime-Pro-Movie nur beim ersten Start des Plug-Ins abgespielt und auf das Desktop kopiert wird, statt wie bisher jedesmal. Für QuickTime 2.1.2 for Windows gibt es ebenfalls neue Lizenzbedingungen; wenn Windows-Produkte QuickTime 3 vertreiben, können sie, für Systeme unter Windows 3.1, nun QuickTime 2.1.2 enthalten.

Wir wissen es zu schätzen, daß Apple positiv auf die Kritik an der QuickTime-Lizenzierung reagiert; aber die Probleme mit den ursprünglichen Bedingungen und besonders die Animositäten und das Mißtrauen hätten überhaupt vermieden werden können, wenn Apple nicht nur nach einer Seite agiert hätte.


Look different: Exzellentes Apple-Design

von Jeff Carlson <jeffc@tidbits.com>

[Übersetzung: Heike Kurtz]

Wenn Sie Bilder von Apples neuem iMac gesehen haben, war es bestimmt weder sein G3-Prozessor noch die USB-Ports, über die Sie zuerst geredet haben. Nein - Gespräche über den neuen Heimanwender-Mac hören sich eher so an: "Sieht aus wie der Helm eines Kampfflugzeugpiloten", "ein halb geschmolzener blauer Gummitropfen, der auf der Seite liegt", "ein großes Bonbon?", "ach, so ein rundlich aussehendes, Marshmallow-artiges, durchsichtiges Ei für Otto Normalverbraucher".

<http://www.apple.com/pr/photos/iMac/iMacphotos.html>

Es ist zwar noch nicht lange her, daß der iMac vorgestellt wurde, aber das Teil spukt bereits in den Köpfen der Leute herum, ohne daß es jemand ausprobiert hätte und bevor programmspezifische Leistungsdaten oder Rezensionen herausgekommen sind. Der kleine Computer wird sogar erst in 90 Tagen auf den Markt kommen. Macintosh-Händler haben schon darüber berichtet, daß immer mehr Kunden nach dem iMac fragen. Warum all die Aufregung? Gutes, einzigartiges Industriedesign.

Anders aussehen -- Die Computerindustrie hat größtenteils recht wenig Wert auf Industriedesign gelegt. Die meisten Computer sind langweilige, beigefarbene Kisten, bei denen die technischen Daten wichtiger sind als das Aussehen. Wen interessiert es, wie die Maschine aussieht, solange sie die Arbeit macht? Und wen wundert es, daß viele PCs unter Schreibtischen eingepfercht werden?

1984 regte der Original-Macintosh die Phantasie der Menschen auch wegen seines freundlichen all-in-one-Designs an. Mit seinen abgerundeten Kanten, seiner leicht geneigten Front und dem eingebauten Griff war der Mac ein Gerät des Informationszeitalters, das man anfassen wollte und das zu benutzen man keine Angst haben mußte. Das Time Magazine erkor ihn 1984 zum "Design of the Year" (wer sich für die Geschichte von Apples Industriedesign interessiert - Modelle, die später verkauft wurden, aber auch Konzeptstudien - sollte sich den Bildband "AppleDesign" von Paul Kunkel und Rick English anschauen).

<http://www.amazon.com/exec/obidos/ISBN=1888001259/tidbitselectro00A>

Gutes Design ist immer etwas, das ein Produkt von der Masse der Mitbewerber abhebt. Die neue PowerBook G3 Serie wurde am selben Tag wie der iMac vorgestellt - auch diese Geräte sind schön gemacht und ihr Design läßt all die rechteckigen PC-Laptops verblassen - aber es war die vollkommen andere, fast organische Form des iMac (wenn man transparentblau als organisch durchgehen läßt), die am nächsten Tag in den Schlagzeilen und in den Büro-Kaffeeküchen die Runde machte.

<http://www.apple.com/powerbook/gallery.html>

Anders arbeiten -- Herausragendes Design provoziert Diskussionen (wie oft sind Sie schon gefragt worden "Was hältst Du von dem Bonbon?") und erzeugt wertvolle Mundpropaganda, das beste Marketing, das es gibt. Aber gutes Design stellt auch eine ganz eigene Kommunikation zwischen Hersteller und Konsumenten her; es zeigt, daß eine Firma daran interessiert ist, wie der Kunde das Produkt benutzt und wie er sich dabei fühlt, und daß man bereit ist, sich dafür einzusetzen, dieses Gefühl zu verbessern. Das zeigt sich nicht allein darin, wie gefällig oder kreativ etwas erscheint oder wie sehr es ins Auge springt, sondern darin, wie es benutzt wird.

Steve Jobs sagte in seiner Rede auf der Worldwide Developer Conference, daß er "die weltweit beste Abteilung für Industriedesign bei Apple gefunden" habe und man sieht an den neuen Designs, wie wichtig jedes Detail genommen wird. Die neuen PowerBooks zum Beispiel sind mehr als attraktiv; es sind die PowerBooks, die man bei weitem am einfachsten öffnen kann, um RAM oder Festplatten auszutauschen. Die Erweiterungsmodule haben Hebel zum Auswerfen der Batterien und Speichermedien, die hintere Klappe hat eine Feder und fühlt sich wesentlich stabiler an als bei den Vorgängermodellen (es könnte sein, daß sie auf Dauer dranbleibt). Auch die Desktop-G3-Modelle lassen sich wie der Power Mac 7500 einfach öffnen, um vom Benuzer durchführbare Upgrades zu machen. Wenn Sie jemals ein Modem oder eine Festplatte in einen handelsüblichen PC installieren mußten, werden Sie es sehr schätzen, wie wenig Fingerübungen nötig sind, um solche Geräte anzuschließen.

Solche Details bleiben nicht unbemerkt und tragen zweifellos dazu bei, daß diejenigen, die einen Macintosh besitzen, ihm die Treue halten. Einst war eine rechteckige Metallschachtel für einen Computer vollkommen in Ordnung, aber das ist vorbei. Apple beweist, daß Design zählt und ich bin bereit, zu wetten, daß viele Käufer das honorieren werden.


Mac OS X: Eine Rhapsody-Version, die Mac-Entwickler lieben könnten

von Geoff Duncan <geoff@tidbits.com>

[Übersetzung: Heike Kurtz]

Während seiner Rede auf Apples Worldwide Developers Conference in der vergangenen Woche umriß Steve Jobs Apples Pläne für Mac OS 8 und Rhapsody und stellte zwei neue Elemente vor, das Carbon API und Mac OS X ("Zehn"). Als die WWDC weiterging, verriet Apple mehr über Mac OS X und die Pläne bezüglich künftiger Betriebssysteme. Es bleiben zwar viele Fragen offen, aber es sind auch schon genügend Details bekannt, um Apples OS-Pläne zu analysieren.

<http://www.carrier.co.at/res/mac/tidbits/TidBITS-429>

Das Konzept von Mac OS X -- Es ist zwar eine grobe Vereinfachung, aber Mac OS X läßt sich am besten als verbesserte Version von Rhapsody (Apples neuem Betriebssystem, das aus NeXTs OpenStep-Technologie entwickelt wurde) beschreiben. Rhapsody basiert auf dem Mach Mikrokernel und läuft unter der Oberfläche mit einer Version von BSD Unix - die Unix Befehlszeile wird nur dann sichtbar, wenn der Benutzer dies ausdrücklich wünscht. Außerdem gehört die "Blue Box" dazu, im Grunde ein Rhapsody-Programm, auf dem Mac OS und Mac OS-Programme laufen, auch wenn diese Programme nicht von den Vorteilen des modernen Rhapsody OS profitieren, wie z. B. Speicherschutz und präemptivem Multitasking.

Rhapsody beinhaltet auch die "Yellow Box", eine Schnittstelle für Anwenderprogramme auf hohem Niveau. Mac-OS-Programme müßten umgeschrieben werden, um die Funktionen der Yellow Box zu nutzen, würden dadurch aber zu "Bürgern erster Klasse" unter Rhapsody, die alle Vorteile des neuen Betriebssystems genießen. Zusätzlich könnten Entwickler Yellow-Box-Programme neu kompilieren, so daß sie für Yellow-Box-Versionen geeignet wären, die unter Intel-PCs oder sogar unter dem alten Mac OS laufen. Diese Möglichkeiten würden die Yellow Box sicher zur ersten Wahl für plattformübergreifende Entwicklungen machen. Rhapsody unterstützt auch Java, so daß Java-Applikationen unter Rhapsody ebenfalls alle Vorteile des Betriebssystems nutzen können.

Unter Rhapsody laufen also im Grunde vier Arten von Programmen:

Mac OS X bietet noch mehr. Mac OS X basiert auch auf dem Mach Mikrokernel (Version 3), wird ebenfalls BSD Unix unter der Haube haben und eine Blue Box enthalten, unter der die meisten bestehenden Mac-OS-Programme laufen - jedoch mit den besseren Funktionen des neuen Betriebssystems. Auch wird Mac OS X weiterhin Java-Unterstützung und die Yellow Box enthalten.

Das Problem, das Apple - und die Macintosh-Entwickler - mit Rhapsody hatten, war, daß Entwickler, die die Vorteile eines modernen Betriebssystems nutzen wollten, alle ihre Programme für die Yellow Box ganz neu schreiben mußten. Deshalb hat Apple die Carbon API herausgebracht, ein großes Paket mit bestehenden Mac-OS-Systemfunktionen, die unter Mac OS X voll unterstützt werden. Programme, die für die Carbon API geschrieben werden, gewinnen alle Vorteile eines modernen Betriebssystems, es ist jedoch nicht mehr notwendig, den Mac-OS-Quellcode komplett neu zu schreiben. Laut Apple müssen typische Mac OS-Applikationen ungefähr zu 10 Prozent geändert werden, um zu einer "Carbon-Lebensform" zu mutieren. Außerdem hat Apple vor, Carbon als Bündel von Libraries für das aktuelle Mac OS 8.x herauszubringen, sodaß "Carbon-Lebensformen" unter Mac OS 8.x und künftigen Versionen des Mac OS 8 ohne Änderungen lauffähig sind.

Unter Mac OS X werden also fünf Arten von Programmen laufen:

In bezug auf die Architektur ist Mac OS X eigentlich das gleiche wie Rhapsody; der Unterschied ist nur, daß es Mac-OS-Entwicklern viel einfachere (und praktischere) Möglichkeiten bietet, ihre Programme zu "Bürgern erster Klasse" zu machen.

Die ultimative In- & Out-Liste - im Moment -- Außer den Hauptfunktionen von Rhapsody erläuterte Apple auf der WWDC auch ein paar Komponenten von Mac OS X:

Wenn man Apples Vorab-Spezifikation für die Carbon API durchblättert, erkennt man, daß manche Programme schwieriger nach Mac OS X zu portieren sein werden als andere. Es wird unter Mac OS X keine Systemerweiterungen mehr geben, so wie wir sie kennen - obwohl sie offensichtlich in der Blue Box geladen werden können und dann nur den Blue-Box-Programmen zur Verfügung stehen, was zu verwirrenden Erfahrungen beim Benutzer führen könnte. Es ist noch nicht klar, wodurch Apple die Erweiterungen unter Mac OS X ersetzen will. Außerdem werden alle Programme, die direkt auf Hardware wie z. B. Ethernet oder PC-Karten zugreifen, für die Nutzung unter Carbon umgeschrieben werden müssen, denn der Zugriff auf die Hardware ist einzig dem Betriebssystem Mac OS X gestattet. Apple hat noch nicht entschieden, wieweit Technologien wie Game Sprockets, Spracherkennung und Energiesparen von Carbon unterstützt werden.

Man kann verschiedene Notizen zur WWDC online nachsehen, leider bestehen die meisten aber aus großen JPEG-Bildern mit Dias von den Sitzungen. Die Vorab-Spezifikation von Carbon ist als PDF-Datei von Apples Mac OS X Developer Site zu bekommen.

<http://www.developer.com/calendar/minisites/wwdc98/>
<http://developer.apple.com/macosx/>

Was ist mit Intel? -- Eine wichtige Frage für manche Entwickler ist das Schicksal der Yellow Box für Intel, ein Satz von Windows95/NT-Libraries, die es gestatten, Programme, die für die Yellow Box geschrieben wurden, ohne Probleme auf der Windows-Plattform zu benutzen. Laut Apple gibt es die Intel-Version der Yellow Box schon, aber das Intel-Runtime wird nicht kostenlos erhältlich sein - im Gegensatz zu Apples Aussagen auf der WWDC 1997. Wie bekannt wurde, sollen die Lizenzgebühren pro Kopie recht gering sein (um 20 Dollar) und Apple arbeitet daran, aber schon die Tatsache, daß es überhaupt Gebühren gibt, könnte für Entwickler, die versuchen, plattformübergreifend für Rhapsody oder Mac OS X zu arbeiten, ein großes Problem darstellen.

Eine weitere beliebte Frage ist, ob Apple vorhat, Mac OS X für Intel-Prozessoren zu entwickeln: Im Moment ist die Antwort ein klares Nein. Der Mac/BSD-Unterbau könnte zwar auf Intel-Hardware zum Laufen gebracht werden - und Carbon braucht keine Macintosh-ROMs -, aber alle Berichte weisen darauf hin, daß Apple keine Pläne hat, die Blue Box oder Carbon auf Intel-Prozessoren zu portieren.

Der Zeitplan in Kürze -- Hier ist also Apples aktueller Zeitplan für die einzelnen Betriebssysteme mit Konzept, wichtigsten Funktionen und Systemanforderungen.

Es ist bemerkenswert, daß der aktuelle Zeitplan vorsieht, daß Mac OS X gleichzeitig mit einem großen Update des bestehenden Mac OS herauskommt. Das deutet darauf hin, daß Apple von einer Übergangsphase ausgeht, in der sowohl das Mac OS X als auch künftige Versionen des aktuellen Mac OS verfügbar sein werden. Es ist noch nicht klar, wie Apple zwischen diesen Versionen unterscheiden will, aber es gilt als wahrscheinlich, daß Mac OS X - wie auch Rhapsody - zunächst auf den High-End-Macintosh-Markt ausgerichtet sein wird - Publishing, Medienproduktion, Server und Power-User -, während Benutzer mit älteren Maschinen oder kleinerem Geldbeutel weiterhin ihre Systeme mit besseren Versionen des alten Mac OS updaten können, ohne all die Rhapsody-Technologie.

Was werden die Entwickler tun? -- Es ist schwierig, in Apples Betriebssystem-Zukunft zu blicken. Mac OS X wird es frühestens in eineinhalb Jahren geben - angesichts der Tatsache, daß vor eineinhalb Jahren die gesamte Macintosh-Welt verrückt nach BeOS war, sind also alle Vorhersagen mit Vorsicht zu genießen.

Rhapsody bietet zwar Schlüsseltechnologien, die der Macintosh in einem Betriebssystem braucht - mit ein paar überzeugenden Funktionen -, aber nur wenige Entwickler sind begeistert von der Vorstellung, ihre Programme noch einmal ganz neu schreiben zu müssen. Bis jetzt hatten sie alle gedacht, sie würden Rhapsodys Blue Box ihre aktuellen Mac-OS-Programme unterstützen lassen und dann die Entwicklung abwarten, denn wenn sie schon alles noch einmal von vorne anfangen müssen - warum dann nicht für Windows NT, denn das gibt es schon und sein Marktanteil steigt.

Mit Mac OS X sieht Apples Botschaft an die Entwickler schon viel freundlicher aus: Die meisten Programme werden nur ein paar kleinere Änderungen benötigen, um die neue Carbon API zu unterstützen, und die Entwickler können weiterhin ihre Mac-OS-Programmierkenntnisse benutzen. Der Übergang von Mac OS 8 zu Carbon wird inzwischen immer öfter mit dem Übergang vom 68K-Mac zum PowerPC verglichen - schwierig für manche Programme, aber nicht schlecht für die meisten. Da überrascht es nicht, daß Metrowerks - die Firma, die es vor fünf Jahren den Mac-Entwicklern fast alleine ermöglichte, PowerPC-Programme zu schreiben - angekündigt hat, Carbon in den künftigen Versionen von CodeWarrior zu unterstützen (und gleichzeitig die vergleichbare "Latitude"-Technologie für Rhapsody zurückzog). Obwohl Mac OS X bis zu einem Jahr nach dem Debüt von Rhapsody herauskommen wird, hat es schon heute die besseren Chancen, von den Entwicklern angenommen zu werden.

<http://www.metrowerks.com/db/Press.qry?function=PR&rowid=148>

Trotzdem wirft die Einbeziehung von Carbon API in Mac OS X in bezug auf die Zukunft der Yellow Box einige Fragen auf. Carbon bringt zwar mehr Entwickler und Programme für Mac OS X, diese Entwickler werden aber nicht weniger zögern, ihre Programme für die Yellow Box neu zu schreiben, als sie das vor einem Jahr taten. Apple sagt den Entwicklern zwar, daß Neuigkeiten grundsätzlich für die Yellow Box zu entwickeln seien - besonders wenn die Entwickler vorhaben, Windows-Versionen dieser Programme herauszubringen. Wenn die Entwickler aber Lizenzgebühren für Yellow-Box-Programme auf Intel-Hardware bezahlen müssen und Apple sein Versprechen, die Yellow Box für Mac OS herauszubringen, doch nicht einlöst, könnte das Programmieren für die Yellow Box zu einem rein intellektuellen Vergnügen werden.



Ständige Autoren der TidBITS in dieser Ausgabe:
Jeff Carlson [JLC], Geoff Duncan [GD], Adam C. Engst [ACE].

Übertragung dieser Ausgabe:
Walter J. Ferstl [WJF],
Heike Kurtz <heike@heikekurtz.de> [HK].

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